Die meisten Menschen merken es mir nicht direkt an, aber ich bin schüchtern, seit eigentlich schon immer. Heute weiß ich zwar, woher meine Schüchternheit kommt und ich fühle mich deutlich stärker und selbstbewusster – aber manchmal, da kommt sie eben doch durch. Ich war in der Schule eher die, die alleine herumstand und nicht wusste, wie sie auf andere zugehen soll. Und in meinen Zeugnissen stand stets: „Melina muss sich stärker am Unterricht beteiligen.“ So zog sich das weiter durch mein ganzes Leben: Ich verließ z. B. mit hochrotem Kopf das Geschäft, wenn mich unvermittelt jemand vom Verkaufspersonal ansprach. Und beim Reden konnte ich anderen kaum in die Augen sehen.

😓 Ein Leben mit angezogener Handbremse, könnte man sagen. Und ich war von mir selbst genervt, weil mir alles so schwer fiel und anderen scheinbar so leicht! Ich wollte unbedingt meine Schüchternheit überwinden. Anderen schien das Leben so viel leichter zu fallen als mir. Sie fanden Freunde, hatten Spaß und wirkten locker und gelöst. Nur ich war die gehemmte Langweilerin (– zumindest dachte ich früher so über mich selbst).

Schüchtern sein ist okay

👉 Schüchternheit ist erst einmal etwas ganz Normales. Darunter versteht man die Angst, von anderen Menschen beurteilt oder abgewiesen zu werden. In unterschiedlichem Maße ist jeder von uns in der einen oder anderen Situation schüchtern und das ist völlig okay. Schüchternheit ist ein Persönlichkeitsmerkmal. Forscher:innen gehen davon aus, dass sie zum Teil aus früheren Erfahrungen erlernt ist, aber auch zum Teil veranlagt sein kann.

Dies können einige Symptome von Schüchternheit sein:

Erröten
Schweißausbrüche
ständige Selbstbeobachtung („Wie wirke ich gerade?“)
Herzrasen
sich nicht trauen
Angst, sich lächerlich zu machen
Angst vor Ablehnung
Angst vor Kritik

Meistere souverän jedes schwierige Gespräch im Job!

Wann wird Schüchternheit zum Problem?

In ausgeprägter Form kann Schüchternheit zum Problem werden, zum Beispiel, wenn dadurch unsere berufliche Laufbahn auf dem Spiel steht oder unsere Beziehungen. Wenn die Schüchternheit stark ausgeprägt ist, sprechen Psychologen von einer sozialen Phobie, unter der schätzungsweise 8,5% der Bevölkerung leiden. Borwin Bandelow – Psychiater, Psychotherapeut und Experte für Angststörungen – erklärt: „Körperliche Ausdrucksformen wie blass oder rot zu werden, Zittern oder plötzlicher Harndruck sind schon erste Anzeichen einer sozialen Phobie. Die Grenzen sind aber fließend.“1 Wenn du glaubst, dass du davon betroffen sein könntest, dann zögere nicht, dir medizinische Hilfe zu suchen!

💡 Das Gute ist: Wenn wir etwas ändern wollen, ist das möglich. Mut und Selbstvertrauen können wir trainieren wie einen Muskel.

Das habe im im Laufe der Jahres sehr deutlich bei mir selbst gespürt. Da ich Autistin bin, vermute ich, dass ein Teil meiner Schüchternheit damit zusammenhängt. Das macht es mir bereits etwas leichter, sie zu akzeptieren. Und obwohl ich vermutlich immer etwas ängstlich sein werde, konnte ich viel Selbstvertrauen gewinnen und traue mir heute viele Dinge zu, die früher nicht möglich waren.

Veränderung passiert dann, wenn wir entscheiden, dass unsere aktuelle Situation nicht mehr tragbar ist. Und dabei habe ich festgestellt:

🌈 Schon winzige Veränderungen im Alltag können einen großen Einfluss auf unser Selbstvertrauen haben!

Schüchternheit überwinden geht – aber fang klein an!

Ich bin die letzte, die dir sagt, dass du nicht okay so bist, wie du bist. Schüchtern zu sein ist nichts grundsätzlich Schlechtes. Aber wenn es dir so geht wie mir früher, ist die Schüchternheit ist vermutlich manchmal etwas übermächtig und das willst du verständlicherweise ändern. Wer will schon auf der Stelle treten, wenn es noch so vieles im Leben zu entdecken gibt?

Das heißt aber nicht, dass du eine 180-Grad-Wende hinlegen musst. Du kannst so bleiben, wie du bist. Selbstvertrauen ist kein Upgrade, dass sich einfach über Nacht installieren lässt. Am wichtigsten ist, dass du dir Zeit zum Wachsen gibst und Fortschritt nicht mit der Brechstange erzwingen willst.

Ich dachte früher immer, ich müsste mich einfach zu allem zwingen und immer noch mehr überwinden. Noch öfter ins kalte Wasser springen und noch öfter alles geben. Alles mit dem Ziel, gegen diese vermeintlich „schwache Natur“ vorzugehen. Ich war immer im Kampfmodus gegen mich selbst. Erst als ich verstanden habe, dass ich nicht gegen mich selbst kämpfen muss, begann ein Wandel.

Die eigenen Ängste anzunehmen, ist der erste Schritt, die Schüchternheit langsam aber sicher, abzubauen. Ich sehe meine Angst nicht mehr als Feind an. Sie ist nicht ohne Grund da, sondern will mich vor Gefahren beschützen. Indem ich sie nicht einfach wegdrücke, sondern anerkenne, wird die Situation schon besser. (Darüber kannst du in diesem Artikel noch mehr lesen: „Mut ist nicht das Gegenteil von Angst“).

Wenn wir also umdenken lernen und unsere Ängste erst einmal akzeptieren, dann werden wir mit der Zeit auch an den anderen Baustellen vorwärts kommen, auf die wir so stark fixiert sind: im Job sichtbar werden, Grenzen setzen und nicht ständig auf sich herumtrampeln lassen, Freunde finden… und so vieles mehr.

5 Anregungen, die dein Selbstvertrauen stärken und Schüchternheit reduzieren

Ich habe dir 5 wichtige Punkte zusammengefasst, die mir persönlich geholfen haben, meinen Mut-Muskel zu trainieren. Schüchternheit überwinden ist ganz sicher kein Spaziergang und es ist mehr nötig, als nur diese 5 Tipps zu beachten. Schüchternheit überwinden ist vor allem ein innerer Prozess.

#1 Fang klein an und mach dir keinen Druck.

👉 Fang zunächst mit etwas an, das dich nicht gleich überfordert. Stecke dir Ziele, die erstmal so klein sind, dass du nicht scheitern kannst. Das gibt dir Mut zum Weitermachen. Es muss nicht immer gleich der Sprung ins kalte Wasser sein.

Ein Beispiel: Du fühlst dich beim Schreiben wohler als beim Reden? – Okay, dann mach was draus! Wenn du einen Artikel liest, der dir richtig gut gefallen hat oder du einen tollen Vortrag gehört hast, dann sag das. Und zwar mit einer kurzen E-Mail. Du wirst mit jeder Mail ein Stück offener und die betreffende Person freut sich, dass sie Menschen mit ihrer Botschaft erreichen konnte. Deine Stimme ist wertvoll!

⚠️ Es ist nicht nötig, dass du in jeder sich bietenden Situation deine Komfortzone verlässt!

Die Komfortzone hat einen sehr wichtigen Nutzen: Du kennst dich dort aus, bist in deinem Wohlfühlbereich und kannst deine Akkus aufladen. Darum ist die Komfortzone erstmal deine Freundin. Deine Komfortzone in gesunden Dosen zu verlassen, wird dir helfen, sie immer weiter zu vergrößern und dich eines Tages in Situationen wohlzufühlen, die außerhalb dieser Komfortzone lagen.

An diesem Schaubild kannst du leicht erkennen, warum kleine Schritte nützlich sind: Sie schonen deine Energiereserven, während du trotzdem gefordert wirst und wachsen kannst. Zu große Schritte wiederum katapultieren dich in die Panikzone und laugen dich aus, wenn du dich zu stark forderst.

Wie wir uns verändern und wachsen: Komfortzone, Lernzone, Angstzone, Panikzone

#2 Verstecken gilt nicht!

👉 Verstecke dich nicht vor deiner Angst. Wenn du schüchtern bist, kennst du die Situationen bestimmt ganz genau, in denen deine Schüchternheit durchkommt. Statt diese Situationen komplett zu meiden, versuche dich ihnen zu stellen. Wenn du ein stärkeres Selbstvertrauen möchtest, führt kein Weg daran vorbei. Sonst passiert genau das Gegenteil von dem, was du erreichen möchtest: Du könntest ein Vermeidungsverhalten entwickeln und die Angst wird mit jedem Mal noch größer.

Wenn du schwimmen lernen möchtest, musst du es ja auch immer und immer wieder probieren. Natürlich wirst du nicht gleich vom Drei-Meter-Brett in die Tiefe springen. Aber du wirst Trockenübungen machen, in flachen Gewässern üben und vielleicht eine Schwimmhilfe benutzen.

⚠️ Denk daran: Du hast jedes Recht dazu, Anfänger:in in etwas zu sein! Wähle kleine Schritte und du wirst merken, wie du mit der Zeit immer besser wirst.

Für Alltagssituationen kann das zum Beispiel bedeuten: Wenn du in einen Raum voller Menschen kommst, bist du vielleicht erstmal komplett überfordert. Du musst jetzt nicht auf eine Gruppe lossprinten und Small Talk anfangen. Aber du kannst andere freundlich grüßen. Vielleicht kommen andere dadurch sogar schon von allein auf dich zu. Es ist auch okay, wenn du zunächst abwartest und beobachtest.

#3 Bitte um Hilfe.

👉 Wenn du nur mit Leuten herumhängst, die genauso schüchtern und ängstlich sind wie du, dann wird sich nichts ändern. Ihr werdet euch nur gegenseitig dazu ermutigen, vor unangenehmen Situationen zu fliehen. Wenn dein Ziel ist, mutig zu sein, dann such dir Leute, die bereits mutig sind! Lerne von ihnen.

Meine beste Freundin in meiner Teenie-Zeit war ein extravertierter Mensch mit dem großen Drang überall hinzumüssen, wo viele Menschen sind. Durch sie habe ich neue Leute kennengelernt und wurde in die Gruppe integriert. Oft stellte ich fest: Die sind ja voll nett! Und die interessieren sich sogar für meine Meinung. Dadurch fiel mit der Zeit auch die Angst von mir ab, von anderen zurückgewiesen zu werden. Ein Realitätsabgleich muss stattfinden.

Wenn du Angst hast, allein auf ein Event oder eine Messe zu gehen, ist eine Verabredung übrigens auch klasse. Alleine kann einen die Gesamtsituation schnell überwältigen, aber mit einem Partner an der Seite ist vieles leichter. Als ich das erste Mal auf der Frankfurter Buchmesse war, habe ich mich zum Beispiel mit einer anderen Autorin verabredet, die ich von Instagram kannte. Wir hatten einen tollen Tag und sind heute noch regelmäßig in Kontakt.

#4 Fang an, regelmäßig Sport zu machen.

Ich habe schon von einigen den Einwand gehört: „Sorry, aber das ist mir zu einfach. Sport wird ganz sicher nicht meine Schüchternheit lindern und mir mehr Selbstsicherheit geben.“ Tja, was soll ich sagen: Manchmal sind es die einfachen Dinge, die den größten Nutzen haben! Wie mächtig die Auswirkung von Bewegung auf unsere Psyche ist, beweisen immer wieder neue Studien mit ängstlichen Menschen.2

Sport sorgt für die Ausschüttung von Glückshormonen und baut Stresshormone gleichzeitig ab. Und ich habe es selbst an mir festgestellt: Körperliche Stärke bewirkt auch mentale Stärke! Jeder noch so kleine Erfolg gibt mir mehr Selbstsicherheit und ermutigt. Natürlich kann Sport nicht alle Probleme in Luft auflösen – aber sie verbessern.

#5 Sei netter zu dir!

⚠️ Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der es oft darum geht, zu funktionieren. Bloß keinen Schritt zurück machen, jeden Tag besser sein. Das macht auch schüchternen Menschen schwer zu schaffen, die das Gefühl haben, sie müssten noch stärker aus sich herauskommen und sich noch mehr anpassen.

Und wenn es mit dem Mutigsein mal nicht so klappt, verfallen wir schnell in Schuldgefühle und klagen uns selbst an. Was uns wirklich in solchen Situationen helfen würde, ist Selbstmitgefühl. Überleg dir z. B. mal, was du zu einer Freundin sagen würdest, die sich gerade unwohl in ihrer Haut fühlt. Würdest du dann nicht etwas in dieser Art sagen?

👉 „Mach dir keinen Kopf, wir sind alle Menschen.“
👉 „Hey, kein Problem, wie kann ich dir jetzt helfen?“

Bei uns selbst fällt uns dieses Mitgefühl viel schwerer. – Ich habe für solche Momente eine wunderbare Übung erlernt, die ich heute mit dir teilen will. Ich habe sie während eines Kurses an der University of California, Berkeley kennengelernt und die Wirkung ist gewaltig! Die Übung stammt von Kristin Neff, die als Professorin für Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung an der Universität von Texas in Austin arbeitet. Hier kannst du sie dir kostenlos anhören und mitmachen.

Erfolg muss nicht laut sein: Erkenne deine leisen Stärken!

Wie gut kennst du eigentlich deine persönlichen Stärken? – Und ich meine damit nicht „Ich kann gut programmieren.“ oder „Ich spreche viele Sprachen.“ Das sind Fähigkeiten. Doch echte Charakterstärken im Sinne der positiven Psychologie beeinflussen dein Denken, Fühlen und Handeln. Sie stärken deine Selbstwirksameit und dein Wohlbefinden und schenken dir Energie, statt sie dir abzuziehen.

So hilft dir Stärkenkenntnis dabei, Schüchternheit zu überwinden und selbstbewusster zu werden:

Du entwickelst einen realistischen Selbstwert: Du machst deinen Selbstwert nicht mehr ausschließlich von äußeren Erwartungen oder fehlerfreier Leistung abhängig.

Du lenkst deinen Fokus auf deine eigene Ressourcen: Vielleicht hast du bisher viel Energie darin investiert, dich an Schwächen und Defiziten abzuarbeiten. Mit dem Bewusstsein für deine Stärken kannst du dich jedoch besser auf deine Kernkompetenzen konzentrieren. Das spart Kraft und führt viel schneller zu Erfolgserlebnissen.

Besseres Stress-Mindset: Die bewusste Nutzung deiner eigenen Stärken entlastet dich, weil du dein intrinsische Motivation anzapfst statt dich zu allem zu zwingen.

Du bist so viel mehr als deine Schüchternheit! Wahre Freiheit bedeutet, dass du entscheidest und nicht von deiner Angst fremdgesteuert wirst. Im Stärkencoaching mit uns lernst du, wie du mit deinem Gehirn zusammenarbeitest, statt ständig gegen deine Natur anzukämpfen. Erfahre hier mehr über unser Stärkencoaching.

Angebot Stärken Coaching

FAQ zum Thema Schüchternheit

Was ist die Definition von Schüchternheit?

Darunter versteht man die Angst, von anderen Menschen beurteilt oder abgewiesen zu werden. In unterschiedlichem Maße ist jeder von uns in der einen oder anderen Situation schüchtern und das ist völlig okay.

Wie äußert sich Schüchternheit?

Dies können einige Symptome von Schüchternheit sein: Erröten, Schweißausbrüche, ständige Selbstbeobachtung („Wie wirke ich gerade?“), Herzrasen, Angst, sich lächerlich zu machen, Angst vor Ablehnung, Angst vor Kritik.

Was ist die Ursache von Schüchternheit?

Bei der Entstehung von Schüchternheit können viele Faktoren eine Rolle spielen, u. a. Genetik, Erziehung, soziales Umfeld und Lebenserfahrungen. Viele Menschen haben genetisch bedingt ein empfindlicheres Nervensystem. Negative soziale Erfahrungen wie Mobbing oder Demütigungen und ein mangelndes Selbstwertgefühl verstärken dann die Unsicherheit zusätzlich.

Wie kann man Schüchternheit wegbekommen?

1) Wenn du deine Schüchternheit überwinden willst, fang klein an und mach dir keinen Druck. Du musst verstehen, dass dein Körper dich nicht absichtlich ärgern will, also hör auf, gegen dich selbst zu kämpfen. 2) Meide unangenehme Situationen nicht komplett, sondern taste dich langsam an sie heran. Du entwickelst sonst ein Vermeidungsverhalten und die Angst wird mit jedem Mal noch größer. 3) Lass dich unterstützen! Wenn dein Ziel ist, mutiger zu werden, dann such dir Leute, die bereits mutig sind und dich inspirieren. 4) Finde einen Sport, der dir Spaß macht und mach ihn zur Routine. Sport sorgt für die Ausschüttung von Glückshormonen und baut Stresshormone gleichzeitig ab. Du lernst, deinem Körper zu vertrauen und stärkst dein Selbstvertrauen. 5) Sei geduldig mit dir! Du musst nicht immer perfekt funktionieren. Du wirst Fortschritte machen, aber manchmal wird dir auch der Mut fehlen. Das ist okay. Sei stolz auf jeden kleinen Schritt.

1 Quelle: https://www.welt.de/welt_print/article1917660/Schuechtern-war-gestern.html

2 Quelle: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3632802/

Melina Royer

Über die Autorin

Melina Royer

Melina Royer ist zertifizierter systemischer Coach, mehrfache Buchautorin und Gründerin von Vanilla Mind. Sie war unter anderem bei WDR FrauTV zu Gast und im Interview bei Business Insider. Gemeinsam mit Timon hilft sie leisen, introvertierten Persönlichkeiten dabei, ihre Stärken zu erkennen und beruflich sichtbar zu werden.

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