Ich bin schüchtern. Und die Schüchternheit zieht sich schon durch mein ganzes Leben. Mittlerweile bin ich viel stärker und selbstbewusster – aber manchmal, da kommt schon noch die Unsicherheit durch. Ich war schon in der Schule kein Mädchen, das schnell Freunde fand. Und in meinen Zeugnissen stand stets: „Melina muss sich stärker am Unterricht beteiligen.“ So zog sich das weiter durch mein Leben: Ich verließ sofort mit hochrotem Kopf das Geschäft, wenn mich unvermittelt eine Verkäuferin ansprach. Und beim Reden konnte ich anderen kaum in die Augen sehen.

Ein Leben mit angezogener Handbremse, könnte man sagen. Und es hat mich früher wahnsinnig genervt, dass mir alles so schwer fiel! Ich wollte unbedingt meine Schüchternheit überwinden! Anderen schien das Leben so viel leichter zu fallen als mir. Sie fanden Freunde, hatten Spaß und wirkten locker und gelöst. Nur ich war die gehemmte Langweilerin (– zumindest dachte ich so über mich selbst).

Ich bin schüchtern. Und das ist okay.

Erkennst du dich da selbst wieder? Damit bist du absolut nicht allein! Schüchternheit ist erst einmal etwas ganz Normales. Darunter versteht man die Angst, von anderen Menschen beurteilt oder abgewiesen zu werden. In unterschiedlichem Maße ist jeder von uns in der einen oder anderen Situation schüchtern und das ist völlig okay.

Was ist die Definition von Schüchternheit?

Darunter versteht man die Angst, von anderen Menschen beurteilt oder abgewiesen zu werden. In unterschiedlichem Maße ist jeder von uns in der einen oder anderen Situation schüchtern und das ist völlig okay.

In ausgeprägter Form kann Schüchternheit allerdings zum Problem werden, zum Beispiel, wenn dadurch unsere berufliche Laufbahn auf dem Spiel steht oder unsere Beziehungen. Wenn die Schüchternheit stark ausgeprägt ist, sprechen Psychologen von einer sozialen Phobie, unter der schätzungsweise 8,5% der Bevölkerung leiden. Borwin Bandelow – Psychiater, Psychotherapeut und Experte für Angststörungen – erklärt: „Körperliche Ausdrucksformen wie blass oder rot zu werden, Zittern oder plötzlicher Harndruck sind schon erste Anzeichen einer sozialen Phobie. Die Grenzen sind aber fließend.“1 Wenn du glaubst, dass du davon betroffen sein könntest, dann zögere nicht, dir Hilfe bei einem Therapeuten zu suchen!

Das Wunderbare ist: Wenn wir etwas ändern wollen, ist das möglich. Mut und Selbstvertrauen können wir trainieren wie einen Muskel, das durfte ich an mir selbst feststellen.

Veränderung ist eine Frage der persönlichen Entscheidung. Und Veränderung passiert dann, wenn wir entscheiden, dass unsere aktuelle Situation nicht mehr tragbar ist. Und dabei habe ich festgestellt: Schon winzige Veränderungen im Alltag können einen großen Einfluss auf unser Selbstvertrauen haben.

Vorsicht vor der Selbstoptimierungs-Falle!

Ich bin die letzte, die dir sagt, dass du nicht okay so bist, wie du bist. Schüchtern zu sein ist nichts grundsätzlich Schlechtes. Aber wenn es dir so geht wie mir, ist die Schüchternheit ist vermutlich manchmal etwas übermächtig und das willst du verständlicherweise ändern. Wer will schon auf der Stelle treten, wenn er noch Ziele im Leben hat? – Eben.

Das heißt aber nicht, dass du eine 180-Grad-Wende hinlegen musst. Du kannst so bleiben, wie du bist. Nur mit einem coolen neuen Upgrade: Selbstvertrauen. Und das lässt sich zum Glück trainieren. Wir müssen nichts „wegretuschieren“ wie in Photoshop. Wir brauchen nur ein Upgrade. Erst als ich verstanden habe, dass ich nicht gegen mich selbst kämpfen muss, begann ein Wandel.

Ich dachte früher immer, ich müsste mich einfach zu allem zwingen und immer noch mehr überwinden. Noch öfter ins kalte Wasser springen und noch öfter alles geben. Alles mit dem Ziel, gegen diese vermeintlich „schwache Natur“ vorzugehen. Ich war immer im Kampfmodus gegen mich selbst.

Schüchternheit überwinden, geht das?

Nach 30 Lebensjahren, in denen eine Menge Selbsthass und destruktives Verhalten dabei war, kann ich dir nun voller Überzeugung verkünden: Ich finde mich inzwischen ziemlich okay. Sogar, dass ich hin und wieder schüchtern bin. Das momentan vielbemühte Wort „Selbstliebe“ würde mir zwar nicht über die Lippen kommen, aber ich bin mit mir im Reinen. Und du kannst es auch sein: Das erste, was ich verändern musste, war meine Einstellung zu mir selbst.

Seine eigenen Ängste anzunehmen, ist der erste Schritt, die Schüchternheit langsam aber sicher, abzubauen. Ich sehe meine Angst nicht mehr als Feind an. Sie gehört zu mir und in dem Moment und will mich beschützen. Indem ich sie annehme, wird die Situation schon besser. (Darüber kannst du in diesem Artikel noch mehr lesen: „Mut ist nicht das Gegenteil von Angst“). Wer sich selbst ablehnt, trägt Schäden an der eigenen Psyche davon.

Wenn wir also umdenken lernen und unsere Ängste erst einmal akzeptieren, dann werden wir mit der Zeit auch an den anderen Baustellen vorwärts kommen, auf die wir so stark fixiert sind: sich im Beruf öfter durchsetzen, die eigene Meinung sagen, anderen fest in die Augen sehen, nicht ständig auf sich herumtrampeln lassen, Freunde finden… und so weiter.

Wenn du dich selbst annimmst, wirst zu mit der Zeit erkennen, was dein ganz eigener Stil ist und damit ganz intuitiv und authentisch Fortschritte machen.

5 Tipps für mehr Selbstvertrauen

Ich habe dir 5 wichtige Punkte zusammengefasst, die mir persönlich geholfen haben, meinen Mut-Muskel zu trainieren. Schüchternheit überwinden ist ganz sicher kein Spaziergang und es ist mehr nötig, als nur diese 5 Tipps zu beachten. Schüchternheit überwinden ist vor allem ein innerer Prozess.

Aber für mich waren die folgenden Punkte sehr wertvoll und wenn du dranbleibst, können sie bestimmt auch dir helfen. Fang langsam an und beobachte die Veränderungen an dir:

#1 Fang klein an und mach dir keinen Druck.

Fang zunächst mit etwas an, das dich nicht gleich überfordert. Stecke dir Ziele, die erstmal so klein sind, dass du nicht scheitern kannst. Das gibt dir Mut zum Weitermachen. Es muss nicht immer gleich der Sprung ins kalte Wasser sein. Je nachdem wie schüchtern du bist, könntest du dir vornehmen, jemanden nach dem Weg zu fragen oder überhaupt erstmal zu üben Blickkontakt aufzubauen.

Noch ein Beispiel: Du fühlst dich beim Schreiben wohler als beim Reden? – Okay, dann mach was draus! Wenn du einen Artikel liest, der dir richtig gut gefallen hat oder du einen tollen Vortrag gehört hast, dann sag das. Und zwar mit einer kurzen E-Mail. Du wirst mit jeder Mail ein Stück offener und die betreffende Person freut sich, dass sie Menschen mit ihrer Botschaft erreichen konnte. Deine Stimme ist wertvoll!

Frag dich doch selbst: Was könnte ich tun, wobei ich nur ein bisschen nervös bin? Und dann mach genau das! Mach das so lange, bis du dich dabei nicht mehr nervös fühlst – und dann nimm dir eine neue Aufgabe vor.

#2 Verstecken gilt nicht!

Ganz wichtig: Verstecke dich nicht vor deiner Angst. Wenn du schüchtern bist, kennst du die Situationen bestimmt ganz genau, in denen deine Schüchternheit durchkommt. Statt diese Situationen komplett zu meiden, versuche dich ihnen zu stellen. Wenn wirklich selbstbewusster werden möchtest, führt kein Weg daran vorbei. Sonst passiert genau das Gegenteil von dem, was du erreichen möchtest: Du entwickelst ein Vermeidungsverhalten und deine Angst wird mit jedem Mal noch größer. Glaub mir, ich weiß wovon ich rede. Ich habe immerhin ein ganzes Buch darüber geschrieben. ;-)

Wenn du schwimmen lernen möchtest, musst du es ja auch immer und immer wieder probieren. Natürlich wirst du nicht gleich vom Drei-Meter-Brett in die Tiefe springen. Aber du wirst Trockenübungen machen, in flachen Gewässern üben und vielleicht eine Hilfe benutzen.

Also trau dich. Du hast jedes Recht dazu, ein*e blutige*r Anfänger*in zu sein! Stell dich der Situation und du wirst merken, wie du mit der Zeit immer besser wirst.

Für Alltagssituationen kann das bedeuten: Wenn du in einen Raum voller Menschen kommst, bist du vielleicht erstmal komplett überfordert. Du musst jetzt nicht auf eine Gruppe lossprinten und Small Talk anfangen. Aber du kannst einmal deutlich vernehmbar und freundlich in die Runde sagen: „Hallo zusammen!“ Das reicht erstmal aus. Vielleicht kommen andere dadurch sogar schon von allein auf dich zu. Warte ab und beobachte.

#3 Such dir einen Partner in Crime.

Wenn du nur mit Leuten herumhängst, die genauso schüchtern und ängstlich sind wie du, dann wird sich nichts ändern. Ihr werdet euch nur gegenseitig dazu ermutigen, vor unangenehmen Situationen zu fliehen. Wenn dein Ziel ist, mutig zu sein, dann such dir Leute, die bereits mutig sind! Lerne von ihnen.

Meine beste Freundin in meiner Teenie-Zeit war ein extravertierter Mensch mit dem großen Drang überall hinzumüssen, wo viele Menschen sind. Durch sie habe ich neue Leute kennengelernt und wurde in die Gruppe integriert. Oft stellte ich fest: Die sind ja voll nett! Und die interessieren sich sogar für meine Meinung. Dadurch fiel mit der Zeit auch die Angst von mir ab, von anderen zurückgewiesen zu werden. Ein Realitätsabgleich muss stattfinden.

Wenn du Angst hast, allein auf ein Event oder eine Messe zu gehen, ist eine Verabredung übrigens auch immer klasse. Alleine kann einen die Gesamtsituation schnell überwältigen, aber mit einem Partner an der Seite ist vieles leichter. Als ich das erste Mal auf der Frankfurter Buchmesse war, habe ich mich zum Beispiel mit einer anderen Autorin verabredet, die ich von Instagram kannte. Wir hatten einen tollen Tag und sind heute noch regelmäßig in Kontakt.

Intuitiv Netzwerken

Was wäre, wenn Netzwerken sich nicht fake und oberflächlich, sondern richtig gut anfühlen würde? Geht! – Sogar wenn du Small Talk schrecklich findest. Das lernst du in unserem Online-Kurs. Folge knapp 400 Menschen,⁣ die mit Natürlichkeit statt Show bei anderen punkten⁣!

#4 Fang an, regelmäßig Sport zu machen.

Ich habe schon von einigen den Einwand gehört: „Sorry, aber das ist mir zu einfach. Sport wird ganz sicher nicht meine Schüchternheit lindern und mir mehr Selbstsicherheit geben.“ Tja, was soll ich sagen: Manchmal sind es die einfachen Dinge, die den größten Nutzen haben! Wie mächtig die Auswirkung von Bewegung auf unsere Psyche ist, beweisen immer wieder neue Studien mit ängstlichen Menschen.2

Sport sorgt für die Ausschüttung von Glückshormonen und baut Stresshormone gleichzeitig ab. Und ich habe es selbst an mir festgestellt: Körperliche Stärke bewirkt auch mentale Stärke! Jeder noch so kleine Erfolg gibt mir mehr Selbstsicherheit und ermutigt. Natürlich kann Sport nicht alle Probleme in Luft auflösen – aber sie verbessern.

#5 Sei netter zu dir!

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der es oft darum geht, zu funktionieren. Bloß keinen Schritt zurück machen, jeden Tag besser sein. Das macht auch schüchternen Menschen schwer zu schaffen, die das Gefühl haben, sie müssten noch stärker aus sich herauskommen und sich noch mehr anpassen.

Und wenn es mit dem Mutigsein mal nicht so klappt, verfallen wir schnell in Schuldgefühle und klagen uns selbst an. Was uns wirklich in solchen Situationen helfen würde, ist Selbstmitgefühl. Überleg dir z. B. mal, was du zu einer Freundin sagen würdest, die sich gerade unwohl in ihrer Haut fühlt. Würdest du dann nicht etwas in dieser Art sagen?

👉 „Mach dir keinen Kopf, wir sind alle Menschen.“
👉 „Hey, kein Problem, wie kann ich dir jetzt helfen?“

Bei uns selbst fällt uns dieses Mitgefühl viel schwerer. – Ich habe für solche Momente eine wunderbare Übung erlernt, die ich heute mit dir teilen will. Ich habe sie während eines Kurses an der University of California, Berkeley kennengelernt und die Wirkung ist gewaltig! Die Übung stammt von Kristin Neff, die als Professorin für Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung an der Universität von Texas in Austin arbeitet. Hier kannst du sie dir kostenlos anhören und mitmachen.

Kann man Schüchternheit überwinden? 5 Tipps für mehr Selbstvertrauen

  1. Lerne, deine Ängste anzunehmen.

    Seine eigenen Ängste zu akzeptieren, ist der erste Schritt, die Schüchternheit langsam, aber sicher abzubauen.Schüchtern und selbstständig, geht das? #freelancer #schüchtern #introvertiert #angst #unsicherheit #selbstvertrauen

  2. Fang langsam an und mache dir keinen Druck.

    Stecke dir Ziele, die erstmal so klein sind, dass du nicht scheitern kannst. Das gibt dir Mut zum Weitermachen.


1 Quelle: https://www.welt.de/welt_print/article1917660/Schuechtern-war-gestern.html

2 Quelle: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3632802/

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