Ich wurde in letzter Zeit häufig gefragt, wie ich im Joballtag damit zurecht komme, schüchtern zu sein. Die kurze Antwort: es fällt mir oft schwer, über meinen Schatten zu springen. Und mir fällt dieser Artikel gar nicht so leicht. Das liegt daran, dass ich genau weiß, welche Arbeit an dieser persönlichen Baustelle noch vor mir liegt.

Mein Mann und ich haben den gleichen Beruf und wollten immer etwas gemeinsam machen. Darum haben wir uns schon vor Jahren überlegt, wie wir das wohl möglich machen könnten. Er war übrigens nach seiner Ausbildung sofort selbstständig und nie wieder angestellt, das hat mich fasziniert. Ich hatte also Zeit, mir zu überlegen, welches Skillset ich benötige, um bei ihm einzusteigen und wie ich es mir aneigne. Bei dem Begriff Skillset kommt mir ein Chirurg in den Sinn, der akribisch und wohl überlegt seine Operationsinstrumente sortiert und in die richtige Reihenfolge bringt.

Um es zusammenzufassen: Ich wusste, wo ich hin will. Aber ich wusste auch, dass mir dafür diverse Fähigkeiten fehlen.

Die stets wiederkehrende Panik

Bei der Aussicht mit mehr als 2 Leuten in einem Raum zu sitzen, stellen sich mir manchmal die Nackenhaare auf. Früher konnte ich Tage vorher an nichts anderes mehr denken. An einem Tag mit wichtigen Terminen bekam ich aus lauter Nervosität keinen Bissen mehr herunter. Puls gefühlt bei 180. Da konnte es vorkommen, dass ein Croissant umangerührt liegenbleibt und ich nur noch an einem Pfefferminz-Tee nippen konnte. (Croissants liegen lassen, hallo?! Das war der Tiefpunkt…) Tee hat übrigens eine sehr beruhigende Wirkung. Daraus kann man ein wunderbares Ritual machen, um sich vor einer schweren Aufgabe selbst zu beruhigen!

Wer diese Art von Panik kennt, bitte mal die Hand heben. Danke! :)

Verstecken gilt nicht!

Selbstbewusst statt unsichtbar

  • Was denken die Leute von mir?
  • Wie sehe ich gerade aus?
  • Mache ich mich gerade total lächerlich?
  • Was, wenn ich etwas Falsches sage?

Welche Strategien mir dabei geholfen haben, ein neues Mindset zu entwickeln, zeige ich dir in meinem neuen Buch!

Es geht nicht nur um Aufregung bei wichtigen geschäftlichen Ereignissen. Jedes noch so kleine Ereignis kann bei einem Menschen, der schüchtern ist, zu einer globalen Katastrophe hochstilisiert werden.

Klar ist allerdings: Ich löse meine Probleme nicht, wenn ich mich verstecke. Wenn ich merke, dass die Angst mich fest im Würgegriff hat, tue ich etwas dagegen. Was ich im Folgenden beschreibe, trifft auf viele Schüchterne zu und hat gar nicht unbedingt nur mit der Arbeit zu tun. Wenn du etwas verändern willst, betrifft das immer dein ganzes Leben und keine Einzelbereiche.

Was ich aus Stresssituationen gelernt habe

Von diesen „War-gar-nicht-schlimm“-Momenten habe ich immer wieder welche. Mit jeder neuen Aufgabe wächst man. Das erste Mal ist immer der blanke Horror und innerlich hat man fast das Gefühl zu verbrennen, bis nur noch ein Haufen Asche übrig ist. Alles Neue ist nicht nur aufregend, sondern viel zu aufregend. Ich hatte oft das Gefühl, mein Körper verkraftet das gar nicht und wollte weglaufen. Aber das ist Einbildung. Da spricht in dem Moment die Angst und nicht ich selbst.

Viele tun gar nichts und bleiben immer in ihrer Komfortzone, obwohl sie inhaltlich die Situation schon längst beherrschen. Sie handeln nur aus Angst nicht. Nicht aber aus Mangel an Wissen oder großen Lücken in den Fähigkeiten. Dadurch verzögert sich der Fortschritt enorm! Ich weiß leider, wovon ich spreche. Mangelndes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist eine Bremse, die einen ganze Lebensjahre kosten kann.

Erst dadurch, dass man sich in Situationen begibt, die alle Fähigkeiten von einem abrufen, ist man in der Lage, das nötige Wachstum zu erzielen und seinen Ängsten ins Auge zu blicken. Diese Momente voll auszunutzen sorgt für eine Transformation, die sonst Jahre dauern würde oder nie eintritt, weil man den Chancen aus dem Weg geht.

Also doch ins kalte Wasser springen?

Ja, du sollst ins kalte Wasser springen. Es muss nicht die schlimmst mögliche Challenge sein, die dir in den Sinn kommt, das ist damit nicht gemeint. Aber es macht einen Unterschied, mit welchen Voraussetzungen du deine Komfortzone verlässt. Kannst du schwimmen? Dann spring und schwimm, egal mit welchem Schwimmstil. Wenn du aber nicht gelernt hast zu schwimmen, dann lern erstmal schwimmen.

Das ist die Essenz! Viele wissen praktisch schon genug, um eine Chance nutzen zu können. Sie können also schwimmen, haben aber Angst diese Chance zu nutzen. Sie können schwimmen, aber das Wasser ist ihnen irgendwie doch zu kalt. Egal! Wer schwimmen kann, muss die Gelegenheiten zum Springen nutzen. Sonst kann man sich nicht weiterentwickeln.

Nach 5 Minuten angestrengtem Schwimmen im Wasser ist man dann warm. Das ist genau das, was in realen Situationen passiert. Man gewinnt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und was noch fehlt, erlernt man dadurch schneller. Nicht immer schafft man es, loszulassen und einfach zu springen. Mir gelingt das bei weitem nicht immer. Aber ich versuche, mich immer öfter auf eine neue Erfahrung einzulassen, wenn ich merke, dass sie mir guttun würde.

Hör auf, nur auf dich selbst zu schauen

Wer schüchtern ist, fürchtet sich vor seiner eigenen Wirkung auf andere. Du wirst förmlich von deiner Angst erdrückt. Das macht dich unsicher und schwach. Dein Gegenüber spürt das. Manche denken nicht groß darüber nach und finden einen einfach bloß “still”. Andere wiederum finden dich vielleicht sogar “arrogant”.

Ich hoffe, jede Schüchterne, die hier mitliest, weiß was ich meine. Man denkt die ganze Zeit nur über sich selbst nach. Wie man wirkt und welchen Eindruck man vermitteln will. Das ist total falsch! In Wirklichkeit ist das sogar egozentrisch und lässt die Bedürfnisse des Gegenübers vollkommen außer Acht. Natürlich will ich das nicht. Aber meine Ängste sind so groß, dass ich diesen Fokus verliere:

Ich sehe nur noch mich, mich, mich. „Was mache ich für einen Eindruck?“ „Wie sehe ich gerade aus?“ „Wirke ich intelligent?“

Das nervt mich ja schon selbst, während ich es tippe. 😂

Immer wenn ich wieder in einem Strudel voller Angst bin, denke ich darüber nach. Es geht nicht um mich. Meine Person ist gar nicht so wichtig. Es geht darum, anderen etwas zu geben und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. Wenn man sich darauf einlässt, fühlt man sich automatisch wohler in seiner Haut.

Was heißt das konkret? Dass man in erster Linie zuhört und nicht versucht, durch kunstvolle Monologe Eindruck zu machen. Wir nehmen nicht an Pitches mit ausschweifenden Präsentationen teil, das ist mitunter eine einzige Nabelschau.

Wie bekommt man Kunden, wenn man schüchtern ist?

Schüchtern und selbstständig, geht das? #freelancer #schüchtern #introvertiert #angst #unsicherheit #selbstvertrauen

Jeden Tag bin ich dankbar, dass ich mit meinem Mann zusammenarbeiten darf. Das ist ein wahnsinniges Geschenk, weil er meine Schwächen ausbalanciert. Hin und wieder muss ich zwar „ins Rampenlicht“ und über meine Arbeit reden…aber das Schöne daran ist, dass ich mir trotzdem selbst aussuchen kann, wo und wie ich meine Kunden finde. Ich muss mich nicht um Kaltakquise kümmern, so wie sie von vielen verstanden wird: Unbekannte ansprechen und von Event zu Event rennen. No way! Da haben wir unsere eigenen Strategien, die viel besser zu uns passen, als mit einem Stapel Visitenkarten um die Häuser zu ziehen. Die meisten Kunden haben wir nebenbei kennengelernt, durch ein normales, ungezwungenes Gespräch ohne Tamtam. Oder durch eine Empfehlung.

Wenn Menschen das Gefühl haben, du hättest ihr Geld dringend nötig und suchst angestrengt nach neuen Namen in deiner Kartei, läuft das mit der Akquise ohnehin nicht so toll. In einer lockeren Atmosphäre klappt das viel besser.

Eine klassische Selbstständigkeit als One-Woman-Show wäre für mich auch nicht infrage gekommen und ich habe auch nie darüber nachgedacht. Ich mag die Zweisamkeit und kann mir nicht vorstellen ohne meinen Partner nur für mich zu arbeiten. Aber auch die Frauen, die schüchtern sind und dennoch als Einzelunternehmerin unterwegs sind, müssen nicht entgegen ihrer Natur immer nur performen. Im Zeitalter von Social Media sind einige einfach diesen Weg gegangen und erhalten Kunden durch ihr gutes Online-Marketing.

Am Ende zählt: Sei du selbst und finde deinen eigenen, authentischen Weg.

Wenn du angestrengt und verbissen um alles kämpfst, hast du am Ende sogar weniger Erfolg. Du bist ein Mensch und keine Maschine! Und hin und wieder in alte Muster zurückzufallen, ist total ok.


© Foto: Lea Sander Fotografie

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