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Gelesen und für gut befunden: „Anleitung zum Müßiggang“

Anleitung zum Müßiggang – www.vanilla-mind.de

„Anleitung zum Müßiggang“. Buchtitel klingen nach ihrer Eindeutschung in 9 von 10 Fällen einfach nur bescheiden. Wie oft am Tag benutzt hier jemand das Wort „Müßiggang“? Was, Niemand? „How To Be Idle“ lautet der Originaltitel von Tom Hodgkinsons Werk, das ich dir heute gern näherbringen möchte. 

Worum geht es?

Der Autor, Tom Hodgkinson, ist ein ziemlich gefährlicher Mann: Er stellt unsere komplette Arbeitswelt infrage. Ein Blick ins Vorwort genügt: „Der Zweck dieses Buches ist es… die Arbeitskultur der westlichen Welt anzugreifen, die so viele von uns versklavt, demoralisiert und deprimiert hat.“ Das trifft sich gut, denn zum Thema Arbeit habe ich auch immer eine Menge Zündstoff parat. Über den Sinn und das Weltbild von Arbeit habe ich hier schon einmal geschrieben.

Auch wenn Herr Hodgkinson süffisant und manchmal überspitzt gegen die Arbeitswelt rebelliert, so geht es im Kern um eines: Den Aufruf zur Selbstbestimmung. Und mit „Müßiggang“ meint Hodgkinson auch nicht von morgens bis abends unproduktiv in der Ecke zu hocken, sondern vielmehr den Verzicht auf die Sklaverei der modernen Arbeitswelt und die Angewohnheit selbstständiges Denken aufzugeben. 😉

Dabei könnten wir uns zum Beispiel alle mal fragen:

  • Wer hat eigentlich bestimmt, dass wir alle faule Säcke sind, wenn wir nicht um 8 Uhr anfangen, sondern erst um 10 Uhr? (Oder wie ich um 14 Uhr, haha.)
  • Muss man sich schief ansehen lassen, wenn man einen Mittagsschlaf hält, der sogar erwiesenermaßen produktiver macht (siehe engl. „power nap“)?
  • Kann man nicht glücklicher sein, wenn man auf ein wenig Konsum verzichtet und sich stattdessen Zeit „kauft“?

Zu der letzten Frage las ich in einem Kommentar neulich die patzige Antwort: „Faulheit muss man sich finanziell leisten können.“ Herr Hodgkinson gehöre ja zur Bildungselite und habe gut Reden.

Da sag ich doch mal ganz bestimmt: Jein! Wenn damit gemeint ist, etwas weniger zu arbeiten und nicht dem Konsum-Gelaber der Werbung zuzuhören, dann stimmt diese These nicht. Diese Einstellung hat weniger mit Finanzen zu tun als viel mehr mit Selbstgenügsamkeit und die Besinnung auf das, was wirklich wichtig ist und Freude macht – Familie, Freunde, Gesundheit. Haus, Auto, 3 Luxusurlaube im Jahr und Designertaschen gehören wohl kaum dazu. Wer das möchte, kein Thema, das ist jedem selbst überlassen. Nur, dass wir uns verstehen: Ich reise gern und habe eine kleine Schwäche für Schuhe und schöne Handtaschen. Ich würde aber niemals auf die Idee kommen, mich extra dafür besonders abzuschuften oder gar zu verschulden! Nein danke, das hat rein gar nichts mit Freiheit zu tun. Es ist nicht der Sinn meines Lebens, mehr zu arbeiten als Zeit mit meiner Familie zu verbringen.

Meine Lieblingsstelle:

Das Kapitel „3 Uhr Nachmittags – Das Mittagsschläfchen“ ab Seite 113. 😉

„Ein Mittagsschläfchen ist ein vollkommenes Vergnügen und überdies nützlich. Es teilt den Tag in zwei Hälften und macht so jede Hälfte überschaubarer und angenehmer. Wie viel leichter ist es, am Morgen zu arbeiten, wenn wir wissen, dass wir uns nach dem Mittagessen auf ein Nickerchen freuen können?“

Aber es wird noch besser! Winston Churchill verteidigte seinen Mittagsschlaf sogar als absolute Notwendigkeit:

„Glauben Sie nicht, dass Sie weniger schaffen, weil Sie während des Tages schlafen. Das ist eine alberne Vorstellung von Leuten, die keine Fantasie haben. Man schafft hinterher mehr. Man schafft die Arbeit von zwei Tagen an einem – naja, zumindest die von anderthalb, da bin ich sicher.“

Ich auch! 😉

Anleitung zum Müßiggang – www.vanilla-mind.de

Mein Lieblingskapitel

 

Hätte man sich sparen können:

Das Kapitel übers Rauchen. Ehrlich, das ist für mich nichts Erstrebenswertes und kann noch so oft mit den großen Denkern und Philosophen der Vergangenheit in Verbindung gebracht werden – für mich ist das nichts anderes als ein Laster. Rauchen ist ein Hauptrisikofaktor für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, das hat für mich nicht mehr viel mit Genuss oder Lebenseinstellung zu tun. Da kann man beherzt weiterblättern.

Mein Fazit zu „Anleitung zum Müßiggang“?

Das Buch liest sich locker und leicht weg. Es amüsiert und unterhält – das macht es zu einer Lektüre, die man super verschenken kann, ohne damit eine Bruchlandung zu riskieren (vor einigen Monaten verschenkte ich einen Roman, der leider nicht so gut ankam).

Natürlich erhitzt dieses Buch die Gemüter, denn es provoziert ganz bewusst. Allerdings wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Schließlich arbeiten wir ja jetzt nicht alle nur noch 4 Stunden pro Woche, nur weil wir Tim Ferriss’ Bestseller “Die 4-Stunden-Woche” gelesen haben, nicht wahr? Eben.
Tom Hodgkinson liefert eine Menge spannende Denkanstöße und Impulse, immer schön unterfüttert mit Zitaten und Ausflügen in die Geschichte.

Ich bin mehr als zuvor der Meinung, dass ich meinen Social Media Konsum zurückschrauben sollte und dass das Leben nicht erst anfängt, wenn das Rentenalter erreicht ist. Dabei wäre es zum Beispiel eine Überlegung, einen Tag pro Woche weniger zu arbeiten. Die meisten könnten das, wenn sie ihren Konsum einschränken würden. Als ich noch Angestellte bei einem Verlag war, habe ich das gemacht. Freitags wurde bei uns 6,5h statt 8h gearbeitet – perfekt, um sich freizunehmen. Ich hatte damals bereits nach einer Woche das Gefühl, nie etwas anderes getan zu haben als 4 Tage arbeiten, 3 Tage frei haben. 🙂

Leben bedeutet bewusstes Genießen, im Moment sein und nicht den Erwartungen anderer hinterherrennen. Diesen Punkt vermittelt Herr Hodgkinson mehr als überzeugend.
Klare Empfehlung für dieses Buch also! Hier kannst du es beim Verlag Suhrkamp/Insel bestellen. 🙂

Eines möchte ich zum Schluss gern von dir wissen:

Was stört dich an unserer Arbeitskultur am meisten?

Zu wenig Flexibilität? Schlechte Aussichten? Unvereinbarkeit von Familie und Beruf? Zu wenig Freizeit?

Was immer es ist, ich bin gespannt auf deinen Input! 🙂

 

Vielen Dank an den Verlag Suhrkamp / Insel, der mir das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt hat!

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13 Kommentare

  • Reply Thais 3. April 2017 at 8:51

    Liebe Melina, ein großes Kompliment an deinen Blog! Es erfordert schon ein wenig Mut in unserer Gesellschaft die Themen anzusprechen, über die du schreibst – obwohl diese eigentlich so gar nicht politisch sind. Ich habe ADS, darum funktioniert das Schema F bei mir einfach nicht und ich musste und muss immer noch sehr dafür kämpfen, die Strukturen zu schaffen in denen ich mich wohl fühlen. Und immer noch muss ich mich immer wieder rechtfertigen, warum ich nicht mehr Vollzeit arbeite. Ich bin erst kürzlich auf deinen Blog gestoßen und lese diesen seit dem mit großem Vergnügen. Auch wenn dein Blog überhaupt nichts mit ADS zu tun hat, finde ich mich in vielen deiner Texte wieder. Das gibt mir viel Motivation und Inspirationen, einfach so zu sein wie ich bin, ganz jenseits der gesellschaftlichen Norm;) Vielen Dank dafür!

    • Reply Melina 5. April 2017 at 15:28

      Liebe Thais,
      danke für deinen lieben Kommentar und auch, dass du dich so frei zu ADS äußerst! 🙂 Ich selbst bin übrigens hochsensibel, vielleicht kannst du dich ja deshalb in vielem hier wiederfinden? HS und ADS haben ja durchaus Gemeinsamkeiten, zum Beispiel was die Reizüberflutung angeht.
      Liebe Grüße,
      Melina

  • Reply Lea 3. April 2017 at 8:56

    Das ist wirklich ein sehr spannendes Thema. Ich bin selber noch nicht „richtig“ in der Arbeitswelt drin, bisher habe ich nur im Rahmen meines Studiums zwei Praktika mit 40-Stunde-Woche absolviert, und was soll ich sagen – es hat mir gereicht.

    Dabei geht es mir gar nicht darum, dass ich nicht arbeiten möchte, sondern dass ich gerne so arbeiten möchte, dass ich mich danach nicht völlig ausgelaugt fühle und richtig fertig bin. Dieses starre 9-to-5 im Büro, wo jeder Tag einfach genau gleich ist, das möchte ich nicht. Ich bewundere Leute wirklich sehr, die 40 Stunden die Woche arbeiten und gleichzeitig noch Familie und Freizeit schaukeln!

    Letztendlich sollte einfach jeder Mensch in der Position sein dürfen, selber zu entscheiden, was am besten zu ihm passt, es gibt schließlich auch viele, die mit dem klassischen Bürojob happy sind. 🙂

    • Reply Melina 5. April 2017 at 15:30

      Liebe Lea,
      ich kann dich sehr gut verstehen! Unserer Generation wird gern mal unterstellt, wir seien „arbeitsscheu“. In Wirklichkeit ist es aber so, wie du sagst – Arbeit ist toll, aber sie darf nicht dazu führen, dass man sich irgednwann selbst nicht mehr wiedererkennt.
      Alles Liebe,
      Melina

  • Reply Kathrin Muth 3. April 2017 at 10:19

    Hallo! Ich stecke viele Jahre schon voll in der Arbeitswelt, habe Familie, 3 Hunde, 2 Katzen, Haus und Garten. Nebenberuflich absolviere ich Fortbildungen, um in der Entwicklung nicht stehen zu bleiben. Als positiver Nebeneffekt kommt das höhere Gehalt dazu, was mir erlaubt, die Stunden zu reduzieren und trotzdem auf nichts verzichten zu müssen. In den Zeiten der Fortbildung habe ich natürlich kaum Freizeit, aber für die Zeit danach lohnt sich der „Müßiggang“.
    Mich stört an der Arbeitswelt, dass die Arbeitgeber meinen, dass man voll und ganz Ihnen gehöre und eingeplant werden könne, wie es Ihnen gerade in den Kram passt.
    Ich bin sicher kein inflexibler Arbeitnehmer, soll aber gesund und fit bleiben, möglichst 24h zur Verfügung stehen. Wie soll das gehen?
    Auch bei exaktem Terminmanagement werde ich die Bedürfnisse der heutigen Arbeitgeber nicht befriedigen können. Und ehrlich gesagt: das will ich auch nicht. Und schon ist wieder Ärger vorprogrammiert.

    • Reply Moni 1. Mai 2017 at 16:20

      Hallo,
      sehe ich genauso: ich bin sicherlich auch gerne bereit, mich Bedingungen anzupassen, die außerhalb des üblichen Rahmen liegen. Schön wäre es jedoch, wenn mein Chef sich auch mal meinem Rahmen anpassen könnte. Interessant ist auch Deine Aussage „ich bin sich kein inflexibler Arbeitnehmer“ – es wirkt für mich schon fast wie eine Entschuldigung; Gesellschaft voll anerkannt sind wir eben inzwischen nur absolut flexibel. In einigen Chef-Köpfen findet ein Umdenken statt. Hoffen wir, dass es sich sozusagen viral ausbreitet 🙂

  • Reply Vera Bräunlich 3. April 2017 at 10:58

    Hallo Melina,
    Mein Lieblingsthema!! Allerdings weicht meine Meinung dazu oft etwas ab. Die Arbeitswelt verändert sich gerade in großen Schritten. Es ist für die Unternehmensführung schwierig bei allen Themen sofort die richtige Antwort parat zu haben. Urlaub wird genommen wann man will, sonst meldet man sich krank, der Arbeitgener kann nichts tun. Ebenso Elternzeit für Männer. Tolle Erfindung im Hinblick auf Lifebalance, aber wenn in einem Team 2 Männer gleichzeitig ohne Abstimmung in Elternzeit gehen und von einer hoch Schwangeren vertreten werden, läuft etwas falsch. Daher plädiere ich für etwas mehr Miteinander. Wir leben in einer Zeit in der Unternehmen ihre Mitrbeiter einbinden und fragen. Wenn man das für Gejammer und Geschimpfe nutzt, wird das bald ein Ende haben und wir kriegen Lösungen übergestülpt die wir nicht haben wollen. Das wird uns dabei helfen wieder eine bessere Arbeitssituation zu bekommen in der man sich nicht total versklavt fühlt.

    Das Thema hat noch viel mehr Facetten, aber das beschäftigt mich sehr und ich hoffe dass hier bald ein Umdenken stattfindet.
    Eine schöne Wiche wünsche ich Dir!
    Viele Grüße
    Vera

  • Reply Christina 3. April 2017 at 12:14

    Ein überaus spannendes und aktuelles Thema! Danke, dass du es hier zur Diskussion stellst.
    Ich finde, dass wir immer noch eine extreme Anwesenheitskultur haben. Nur wer viel im Büro anwesend ist, wird als Arbeitstier eingestuft. Wie sieht es aber mit den Resultaten aus?
    Wenn ich mich mit anderen arbeitenden Müttern unterhalte, dann sagen alle dasselbe: du bist viel besser organisiert als früher. Du weißt, du kannst nicht mehr bis 10 Uhr abends im Büro bleiben und den Berg aufarbeiten. Du musst dich aufs Wesentliche fokussieren und die Schwätzchen reduzieren (übrigens sehe ich sehr oft auch viele Männer, die sich während der Arbeitszeit lang und breit über private Themen unterhalten ;-).
    Kurzum: ich plädiere für mehr Flexibilität von Arbeitszeiten und eine gute Mischung aus Home Office und Büro. Und mehr Vertrauen – man sieht ja, wer engagiert arbeitet und wer nicht!
    Und das tollste wäre, eine Prämie nicht in Geld oder Sachprämien zu erhalten, sondern in Urlaubstagen.

  • Reply Janin 3. April 2017 at 12:27

    Hallo Melina,
    Ich stelle fast tagtäglich aufs Neue fest, dass ich keine „normale“ Angestellte sein kann und will. Ich hasse es, dass andere über mich bestimmen können, mich umsetzen können wie eine Marionette. Man muss einfach funktionieren wie eine Maschine. Ich habe es satt. Mein Charakter und meine Psyche haben auf sowas keinen Bock und es macht mich krank.

    Raus aus der Norm! Mein eigenes Ding machen, allein deshalb schon, weil ich eine Scannerpersönlichkeit und hochsensibel bin.

    Also Danke für die Buchempfehlung, ich werde mir das mal ansehen, da ich mich eh zurzeit sehr stark mit dem Thema beschäftige und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis ich abspringen kann (bis ich für mich soweit bin).

    Viele Grüße und Danke für deine tollen Artikel!

  • Reply Tatjana 4. April 2017 at 13:18

    „[…] und dass das Leben nicht erst anfängt, wenn das Rentenalter erreicht ist.“ !!!
    Sehr richtig und wichtig; schön, dass du das nochmal hervorgehoben hast. Früher hatte ich genau das gedacht – erst die Arbeit (50 Jahre meines Lebens), dann das Vergnügen. Lächerlich! Welchen Sinn hat das Leben noch, wenn wir unsere gesunden Jahre mit Abrackern verbringen? Was natürlich nicht heißen soll, dass ich gegen jegliche Form von Arbeit bin. Bloß die verbreitete Vorstellung, dass man nichts wert sei, wenn man nicht 12h pro Tag schuftet, keinen Porsche fährt und Pool im Keller hat. Dieser Konsumwahn, der uns von Kindheitsbeinen an aufgereimt wird – furchtbar.
    Genauso traurig finde ich: TGIF. Fünf Tage der Woche quälen, um sich aufs Wochenende zu freuen und dann wieder: All die Memes, die montags die sozialen Netzwerke überfluten und die Woche bereits im Vorfeld verdammen. Das finde ich furchtbar traurig.
    Das vorgestelle Buch muss ich mir übrigens auf meine to read-Liste setzen; danke für die Rezension (und wtf? Es gibt ein Kapitel, in dem Rauchen glorifiziert wird??).
    Liebe Grüße!

    • Reply Moni 1. Mai 2017 at 17:33

      Dem kann ich nur zustimmen. Es geht nicht darum, nicht arbeiten zu wollen. Es geht darum gerne und gesund bleibend zu arbeiten und dem Wort „workoholic“ den positiven Charakter des „oh Du bist so toll, weil Du 60 h und mehr pro Woche arbeitest“ zu nehmen.
      Viele Grüße
      Moni

  • Reply Moni 1. Mai 2017 at 16:24

    Hallo Melina,
    warum ich ausgerechnet heute am Tag der Arbeit und als ich selbst zu dem Thema was geschrieben habe auf Deine Buchempfehlung komme, ist schon ein bisschen spooky 😉
    In dem Fall gleich als e-book bestellt, sonst mag ich da doch lieber Papier, mag aber gerade nicht warten 🙂 und statt Steine-schmeißen in Kreuzberg lieber mit etwas Muße den Nachmittag auf dem Sofa verbringen.
    Happy 1. Mai!
    …und natürlich schmeiße ich grundsätzlich nicht mit Steinen

    • Reply Melina 16. Mai 2017 at 21:17

      Haha, das passt doch wie Faust aufs Auge! 😉 Hast du das Buch inzwischen durch? Bin gespannt auf deine Meinung!

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