Für introvertierte und hochsensible Menschen kann sich Neujahr schnell überwältigend anfühlen: Der Erwartungsdruck und die Menge der Aktivitäten rund um die Feiertage kann schnell erschöpfen und es fällt schwer, innezuhalten und über die eigenen Ziele und Wünsche fürs neue Jahr nachzudenken.

Für mich als Introvertierte muss der Jahreswechsel nicht mit einer großen Party eingeläutet werden. Im Gegenteil, ich habe tatsächlich noch keine einzige Silvester-Party in meinem Leben gefeiert. Da hat jede:r seine eigenen Vorlieben und Ansichten.

🌟 In jedem Jahreswechsel liegt jedoch etwas Besonderes: Eine Hoffnung, die neue Energie und Zuversicht in uns freisetzt. Wie auch immer das alte Jahr gelaufen ist: Die meisten halten an Neujahr zumindest kurz inne und reflektieren ihre Wünsche und Ziele für das neue Jahr.

Auch bei mir geht es natürlich nicht ganz ohne Rituale. Als systemischer Coach ist mir bewusst, wie kraftvoll und stärkend es ist, sich mit der eigenen Vision und Zielen zu befassen. Vorausgesetzt, sie fußen nicht auf externen Erwartungen und Selbstoptimierung. Solche Ziele scheitern in der Regel nach zwei Wochen (hier gibt’s die Forschung dazu).

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Von Psychologen empfohlen: Welche Vorsätze machen Introvertierte glücklicher?

Ich habe dir eine feine Liste mit psychologisch wirksamen Ideen zusammengetragen, mit denen du als introvertierte Person leicht und unbeschwert ins neue Jahr starten kannst. Garantiert ohne Zwang und ohne Selbstoptimierung!

⚠️ Hinweis: Versuche bitte, die folgende Liste als eine Art Buffet zu verstehen. Natürlich musst du nicht jede Übung machen, um erfolgreich und ausgeglichen ins neue Jahr starten zu können. Wähle, was dir intuitiv zusagt und lass den Rest liegen. – Bereit? Dann lass uns loslegen!

Übung Nr. 1: Dein Wort des Jahres

✨ Das bringt es:

Dein Wort des Jahres ist die verdichtete Essenz deiner Wünsche und Ziele. Anstelle von starren Vorsätzen ist das Wort des Jahres eine ständige – aber sanfte (!) Erinnerung daran, dich auf positive Veränderungen zu konzentrieren statt dich in Selbstoptimierung zu stürzen. Nutze dein Wort des Jahres wie einen Kompass, um dich bei Entscheidungen daran zu orientieren und deinem eigenen Weg treu zu bleiben. Du kannst ein Wort wählen, das dein Jahresthema besonders gut einfängt. Du kannst aber auch eine Gruppe von Wörtern zusammenstellen und zum Beispiel als Poster aufhängen, das liegt ganz bei dir.

🔧 So funktioniert es:

  1. Nimm dir ein Blatt Papier und erstelle eine Tabelle mit zwei Spalten. Auf der einen Seite schreibst du alles auf, was im vergangenen Jahr gut war: Wer oder was hat dich in diesem Jahr wachsen lassen? Wer oder was hat dich in diesem Jahr inspiriert? An welche Momente wirst du dich noch lange mit einem warmen Gefühl zurückerinnern?
  2. Auf die andere Seite notierst du, was du gerne ändern würdest. Nimm dir Zeit für diesen Schritt und versuche an alle Lebensbereiche zu denken: Beruf, Familie, Beziehungen, Gesundheit, persönliches Wachstum,…
  3. Betrachte jetzt die Seite, auf der steht, was alles gut gelaufen ist: Welche Gefühle löst es in dir aus? Wovon wünscht du dir mehr? Wähle alle Wörter aus, die für dich genau das aussagen, was du dir für das neue Jahr 2023 wünschst. Du kannst sie zum Beispiel mit einem Farbstift einkreisen – Substantive, Verben, alles ist möglich. Wichtig ist, dass es sich positive Begriffe handelt! Du solltest dich von ihnen angezogen und motiviert fühlen.
  4. Nun wählst du im nächsten Schritt 1-3 Wörter aus, die für dich am meisten symbolisieren, was du erreichen möchtest.
  5. Schreib dieses Wort auf eine hübsche Karte und klebe es an einen Ort, an dem du es so oft wie nur möglich sehen kannst. Dafür bietet sich zum Beispiel der Badspiegel an oder die Kühlschranktür oder dein Schreibtisch. Du kannst dein Wort des Jahres auch als Hintergrundbild für deinen Computer oder dein Smartphone verwenden. Wichtig ist, dass es täglich in deinen Fokus rückt. Denn sonst vergisst du es schnell und es kann seine kraftvolle Wirkung nicht entfalten, weil es nicht in deinem Unterbewusstsein verankert ist.¹

💡 Tipp: Wenn es dir leichter fällt, kannst du eine Liste mit Begriffen als Hilfe nutzen, um dein Wort des Jahres zu finden. Hier findest du zum Beispiel eine Liste mit persönlichen Werten, die als Kompass dienen können. Beachte, dass diese Liste nicht allumfassend ist, sondern als Anregung für deine eigenen Ideen dient.

Übung Nummer 2: Dein bestes Selbst

✨ Das bringt es:

Wie man träumt, das haben viele von uns schon verlernt. Wir haben uns an den brutalen Realismus des Lebens gewöhnt. Und genau deshalb möchte ich dich umso mehr zu dieser Coaching Übung einladen. Bei dieser Übung geht es darum, dir dein bestmögliches Leben vorzustellen und dabei verschiedene Aspekte zu berücksichtigen: darunter Beziehungen, Arbeit, Freizeit, persönliche Entwicklung, soziales Engagement und mehr.

Bei dieser Übung handelt es sich um einen Klassiker, der auf wissenschaftlichen Methoden beruht und schon vielen Menschen in Coachings ermutigt hat, sich über ihre Werte, tiefsten Wünsche und Ziele klar zu werden. Forschungsergebnisse legen nahe, dass du damit nicht nur deine Zufriedenheit in der Gegenwart steigern kannst, sondern auch in der Zukunft.² ³

🔧 So funktioniert es:

  1. Frage dich: „Wie sieht das bestmögliche Leben aus, das ich mir vorstellen kann?“ Denke dabei an alle relevanten Bereiche deines Lebens, zum Beispiel deine Karriere, akademische Arbeit, deine Beziehungen, Hobbys und deine Gesundheit. Schreibe dann für etwa 15 Minuten darüber, wie du dir diese bestmögliche Zukunft vorstellst. Es ist nicht entscheidend, welche Mittel und Möglichkeiten dir aktuell zur Verfügung stehen, um dieses Leben in die Tat umzusetzen. Erlaube dir, dir genau das Leben auszumalen, das du dir wünschst, wenn Zeit, Geld und Status keine Rolle spielten.
  2. Wenn du verleitet bist, zu grübeln, wo dein Leben momentan nicht gut funktioniert oder du über mögliche Hindernisse nachdenkst, lass diese Gedanke bitte erst einmal los. Konzentriere dich darauf, dir eine bessere Zukunft vorzustellen, in der du dein bestes Leben führen kannst – und sich die Umstände so verändern, dass es möglich wird. 
  3. Stell dir so viele Details vor, wie du kannst. Je spezifischer du bist, desto engagierter wirst du bei der Übung sein und desto mehr wirst du davon profitieren. Es kann eine Hilfe sein, wenn du so darüber schreibst, als würde es bereits passieren. Beispiel: Statt „Ich möchte eines Tages nach Island reisen“, schreibe: „Ich habe eine 14-tägige Reise nach Island unternommen, in der blauen Lagune gebadet und Islandpferde gestreichelt.“

💡 Gut zu wissen: Eine Vision zu entwickeln kann eine besondere Herausforderung sein, wenn du dich gestresst oder frustriert fühlst. Trotzdem – oder gerade dann – kann diese Übung für dich wertvoll sein. Ich habe diese Übung mit einer Coachee gemacht, die so gestresst war, dass ihre größte Vision zunächst war, überhaupt mal einen Tag ohne klingelndes Smartphone zu erleben. Ihre Vision war nicht kunterbunt und voller Konfetti, aber sie war froh, dass sie sich die Zeit genommen hatte, über ihre Lebensvision nachzudenken und zu prüfen, wo sie ihre Energie wirklich einsetzen möchte.

Wenn du jetzt noch einen Schritt weitergehen möchtest, gestalte dir gern ein Vision Board aus deinen neuen Erkenntnissen. In dieser Anleitung erfährst du, wie du dein eigenes Vision Board gestaltest.

Übung Nummer 3: Glasmomente sammeln

✨ Das bringt es:

Viele Introvertierte sind gerne kreativ. Die folgende Aktivität kannst du alleine oder mit anderen zusammen durchführen. Ich möchte dir dieses Ritual besonders dann ans Herz legen, wenn du dazu neigst, deine Erfolge schnell zu vergessen und sofort die nächste Herausforderung zu attackieren statt kurz innezuhalten und stolz zu sein. Viele der Vanilla Mind Leser:innen ticken so und es nagt an ihrem Selbstwertgefühl, dass sie häufig denken, sie seien nicht gut genug.

Glasmomente sammeln ist eine Variante des Erfolgstagebuchs, aber in noch cooler. Das Schöne an dieser Übung ist, dass du im Laufe des Jahres nach positiven und denkwürdigen Ereignissen in deinem Leben Ausschau halten wirst. Außerdem wirst du spüren, wie du anfängst, noch mehr Positives in dein Leben zu ziehen.

Und im nächsten Dezember kannst du alles, was du aufgeschrieben hast, herausholen und das wohlige Gefühl genießen, dass es viele gute Dinge in deinem Leben gibt, auf die du stolz sein darfst und die dir Selbstvertrauen schenken.

🔧 So funktioniert es:

  1. Suche dir einen Behälter, zum Beispiel ein Einmachglas. Auch eine Taschentuchbox ist geeignet. 
  2. Nimm dir gern Zeit, um das Gefäß so zu dekorieren, dass es positive Gefühle in dir auslöst und sich dein inneres Kind freut. Du wirst dieses Gefäß das ganze Jahr über aufbewahren, also dekoriere es so, dass es positiv, beruhigend und inspirierend auf dich wirkt. Dieses Ritual zum Jahreswechsel ist allein schon eine tolle Beschäftigung. Aber hier kommt die wahre Magie des Ganzen:
  3. Jedes Mal, wenn dir dieses etwas Gutes widerfährt, nimmst du dir ein Stück Papier und notierst das Ereignis. Falte es zusammen und stecke ist in dein Einmachglas. Etwas Gutes kann so ziemlich alles sein:
    Du hast ein Kompliment erhalten.
    Dir ist etwas gelungen, was du nicht für möglich gehalten hast.
    Du hast Sport gemacht, obwohl du überhaupt keine Lust hattest.
    Du hattest ein schönes Gespräch mit Freund:innen.
    Du hast dich vor Lachen über eine Sache ausgeschüttet.
    Du hast ein schwieriges Gespräch gemeistert.
    Du hast einen Konflikt mit einer Person beigelegt.
    Du hast ein Rezept gekocht, das köstlich geworden ist.
    Du hast ein neues Lieblingslied gefunden.

Dies sind nur einige wenige Beispiele. Du selbst definierst, was sich in deinem Leben gut anfühlt. Falls du diese Übung im Laufe des Jahres durchführst, ist es wichtig, dass sie sich nicht wie eine Verpflichtung anfühlt, sondern wie etwas, auf das du dich freuen kannst. Wenn du jeden Tag über einen guten Moment nachdenken möchtest, ist das großartig! Aber wenn es dir zu viel ist, kannst du auch einmal pro Woche einen neuen Moment in dein Glas legen. Am besten immer am gleichen Wochentag, damit es zur Gewohnheit wird. (So sieht übrigens mein Glas aus, das in der Küche steht.)

Bist du oft gestresst und weißt gar nicht genau, warum? – Sichere dir deinen Energie-Kompass: Der Schlüssel zur Selbststeuerung und Balance. Decke auf, was an deinem Akku nagt und bringe mehr Balance in deinen Alltag!

Erfahrung aus der gelebten Praxis

👉 Damit du besser nachvollziehen kannst, warum die Arbeit mit der eigenen Vision und persönlichen Zielen so wichtig ist, erzähle ich dir kurz eine Geschichte von Timon und mir:

Als ich Ende 20 war, hatte meine Schwiegermutter einen schlimmen Unfall: Eine schwere Hirnblutung führte dazu, dass wir zunächst zwei Wochen lang um ihr Leben bangten, als sie sich im künstlichen Koma befand. Darauf folgten 5 Monate Reha und als sie zurück zuhause war, wurden daraus knapp 7 Jahre, in denen Timon und ich uns intensiv um sie und meinen dementen Schwiegervater gekümmert haben. Um die Privatsphäre meiner Familie zu schützen, rede ich normalerweise nicht über solche Themen. Doch dieses Jahr sind leider beide von uns gegangen und haben ein riesiges Loch hinterlassen, das wir noch gar nicht so richtig beschreiben können.

In der ganzen Zeit haben wir ein bisschen so gelebt, als hätten wir den Kopf unter Wasser und warteten nur auf diesen einen Moment, in dem wir endlich wieder auftauchen und Luft holen können. Ich habe zum Beispiel irgendwann aufgehört, mir eigene Ziele zu setzen, weil ich nicht mehr daran glaubte, dass sie überhaupt eine Rolle spielten. Ein Fehler, wie ich heute weiß.

Natürlich gab es auch viele schöne Momente und es ist ein gutes Gefühl, für seine Lieben da sein zu können. Fürsorge ist nicht nur kräftezehrend, sondern natürlich auch sehr sinnstiftend und erfüllend. Sich jedoch nicht mehr zu trauen, daneben noch eigene Bedürfnisse zu formulieren, ist gefährlich! Das werden alle wissen, die entweder Kinder haben, ein Familienmitglied pflegen und/oder in einem Pflege- oder psychosozialen Beruf arbeiten. In unserem Fall war beispielsweise das Bedürfnis nach sozialen Kontakten beeinträchtigt. Durch den chronischen Stress isolierten wir uns immer mehr, weil wir keine Kraft mehr hatten. Ein Teufelskreis, denn schöne Gespräche und Freizeitaktivitäten mit Freund:innen wären genau das gewesen, was uns gut getan hätte.

Du merkst also: Es ist lebenswichtig, dass du auf dich und deine Bedürfnisse achtest. Es ist normal, dass nicht jedes Bedürfnis sofort gestillt werden kann und dass es Phasen gibt, in denen wir unsere Wünsche zugunsten anderer Prioritäten zurückstellen. Doch wir können nicht dauerhaft so leben. Selbstverleugnung fügt unserer (mentalen) Gesundheit auf Dauer Schaden zu.

💡 Wichtig zu wissen: In Forschungen konnten bestimmte Persönlichkeitsmerkmale identifiziert werden, die Menschen besonders anfällig für diese Art des Ausbrennens machen: hohe Leistungsbereitschaft, starkes Harmoniebedürfnis, Perfektionismus, ausgeprägter Idealismus. Wenn du dich selbst dazu zählst, lohnt es sich sehr, an diesen Themen zu arbeiten, damit du deine Resilienz stärken kannst. Zum Thema Perfektionismus lernst du hier zum Beispiel eine Menge hilfreicher Strategien.

Deine Meinung?

Aus dem Bauch heraus: Welche Übung ist dein persönlicher Favorit? Timon und ich freuen uns, in den Kommentaren von dir zu lesen! 💬


Literaturhinweise

Christopher N. Cascio, Matthew Brook O’Donnell, Francis J. Tinney, Matthew D. Lieberman, Shelley E. Taylor, Victor J. Strecher, Emily B. Falk (2016). Self-affirmation activates brain systems associated with self-related processing and reward and is reinforced by future orientation. Social Cognitive and Affective Neuroscience, Volume 11, Issue 4, April 2016, Pages 621–629

Sheldon, K. M., & Lyubomirsky, S. (2006). How to increase and sustain positive emotion: The effects of expressing gratitude and visualizing best possible selves. Journal of Positive Psychology, 1(2), 73-82.

Auyeung, L., & Phoenix Kit, H. M. (2019). The efficacy and mechanism of online positive psychological intervention (PPI) on improving well-being among Chinese university students: A pilot study of the best possible self (BPS) intervention. Journal of Happiness Studies, 20(8), 2525–2550.

Emmons, R. A., & McCullough, M. E. (2003). Counting blessings versus burdens: An experimental investigation of gratitude and subjective well-being in daily life. Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 377-389.

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