Selbstverständlich wissen wir, dass Introvertierte nicht „unsozial“ sind, aber gutes Copy Writing verlangt von mir ein bisschen Drama, damit alle neugierig werden und sich ein wenig empören können.

Und mal Hand aufs Herz: Hast du dich als Introvertierter nicht auch schon hin und wieder ziemlich unsozial gefühlt, wenn du gerade zum zwanzigsten Mal eine Einladung von deinen Kollegen ausgeschlagen hast und nach der Arbeit lieber nach Hause gehst? Gehörst du auch zu denen, die mitunter Gewissensbisse haben, weil sie viel Zeit für sich allein brauchen?

Willkommen im Club! Die Grenze zwischen „ich bin introvertiert und brauche meine Ruhe“ und „ich fühle mich wie ein sozial inkompetenter Einsiedler“ ist manchmal fließend. Aber ich habe ein paar Abmachungen mit mir selbst getroffen, um dieses Problem in Zukunft besser im Griff zu haben.

Da isser wieder, der innere Zwiespalt

Sorry, ich habe gestern schon mit 2 Leuten gesprochen! | introvert problemsIch sag’s einfach mal, wie es ist: Ich bin ein Eigenbrötler, schon immer gewesen. Ja, ich mag Menschen. Sehr sogar! Ich tausche mich liebend gern mit anderen aus und mitunter leide ich auch unter meinem nicht vorhandenen Sozialleben und wünsche mir dann, doch öfter mal vor die Tür zu gehen. Vor allem mag ich Menschen aber dann, wenn sie nicht unangemeldet vor meiner Tür stehen, um mich zu „überraschen“. Und wenn sie einen gewissen Sicherheitsabstand einhalten und mich nicht ständig antatschen wollen. Dieser Umstand sorgt bei mir dafür, dass ich mich für einen „nicht so netten“ Menschen halte. Schließlich muss sich doch jeder über Besuch freuen, oder?!

Eines vorweg: Hier geht es nicht um Schüchternheit und den Wunsch, Kontakt zu anderen aufzunehmen. Ja, ich bin auch schüchtern, aber das ist etwas anderes als Introversion. Anders als andere brauche ich nicht permanent Menschen um mich. Und das hat keineswegs etwas mit sozialer Inkompetenz zu tun, sondern ist reine Typsache. Introvertierte Menschen können ihre Akkus am besten aufladen, wenn sie viel Ruhe und Zurückgezogenheit genießen können. Extrovertierte ziehen Energie aus der Interaktion mit anderen. Soweit so platt. Natürlich sind diese Bedürfnisse bei allen Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt.

Viele haben manchmal wenig Verständnis für den Charakterzug der Introversion. Ich blühe auf, wenn möglichst wenig Leute mit mir in einem Raum sind – andere blühen auf, wenn sie das Bad in der Menge genießen können. Total okay – bis zu dem Punkt, an dem sie es persönlich nehmen, dass ich nicht andauernd mit ihnen um die Häuser ziehen will. Das ist frustrierend. Was dann?

Die eigene Balance finden

Ich frage mich immer wieder:
„Wie macht man anderen klar, dass man nichts gegen sie hat, aber viel Zeit für sich braucht?“
„Wie werde ich den Erwartungen anderer gerecht?“
„Wann sollte ich mich anpassen?“

Meine persönlichen Antworten auf diese Fragen:

1. Ich entschuldige mich nicht, wenn ich Zeit für mich brauche.

Ich erkläre anderen, dass Ruhe wichtig für meine innere Ausgeglichenheit ist und ich dadurch Energie tanke. Es ist doch wie mit allem: Wenn man ein Bedürfnis selbst nicht kennt, kann man sich auch nicht vorstellen, dass dieselbe Sache für andere aber lebenswichtig sein kann. Also versuche ich Verständnis dafür zu schaffen, dass es völlig normal ist, dass andere Menschen mehr Me-Time brauchen als andere. Nur rechtfertigen und entschuldigen kommt gar nicht in die Tüte – so gewinnt man keinen Respekt.

Introvertiert? Dann freust du dich bestimmt über diese kleinen Motivationen…2. Ich verbiege mich nicht.

Ich habe alles Mögliche probiert und festgestellt: Niemand mag mich lieber, wenn ich mir eine Maske aufsetze und krampfhaft versuche jemand anderes zu sein. Ich mache mich dabei nur lächerlich und bin komplett überdreht, wenn ich versuche, ein Partyclown zu sein. Ich lache viel zu laut, rede viel zu viel und es schlaucht mich ungemein, weil das nicht meine Art ist. Andere zu unterhalten und lustige Anekdoten zu erzählen, ist absolut nicht mein Ding. Und es mag mich definitiv niemand lieber, wenn ich versuche jemand anderem nachzueifern.

Ja, es gibt diese Leute, die nicht verstehen, dass Charaktere einfach unterschiedlich sind. Aber gegen diesen Typus hilft nur: Sich ein dickes Fell zulegen und ignorieren. Menschen, die einen nur mögen, wenn man NICHT man selbst ist, gehören sicher nicht zu meinem Freundeskreis. Es hat Jahre gedauert, bis mir die Erkenntnis kam, dass ich – egal wie ich mich verhalte – gar nicht von jedem gemocht werden KANN. Wenn die Chemie stimmt, dann merkt man das ziemlich schnell. Aber wenn nicht, muss ich mir jetzt zumindest keinen Zacken mehr aus der Krone brechen, um es jedem recht zu machen.

„Normalsein“ hat eine Menge Facetten – und zuhause bleiben, wenn man Bock drauf hat, ist eine davon.

3. Manchmal muss ich mich vor mir selbst retten.

Sind Introvertierte unsozial? | vanilla-mind.deIch habe so eine Regel mit mir selbst, dass ich versuche, wenigstens einmal in der Woche etwas mit anderen zu unternehmen, um sie besser kennenzulernen und meinen Horizont zu erweitern. Nur weil ich introvertiert bin, heißt das ja nicht, dass ich NIE jemanden sehen will. Abgesehen davon kann es ja nicht immer nur um mich gehen, das ist auch egozentrisch. Vermutlich würde ich sonst wirklich 24/7 in meiner Wohnung hocken und Bücher lesen oder mir DIY Projekte ausdenken. Wenn ich dieses Einsiedlertum zu lange praktiziere, werde ich eigenartig. Frag bloß nicht meine Familie. 😛

Außerdem muss ich zugeben: Manchmal wenn ich mit anderen unterwegs war, obwohl ich vorher keine Lust hatte, habe ich es am Ende sogar genossen – sofern die Unternehmung nicht darin besteht, laute und überfüllte Orte zu besuchen, versteht sich. Es ist für niemanden gut, zu lange mit seinen eigenen Gedanken allein zu sein. Auch wenn man gern allein ist, heißt das nicht, dass man keine neuen Impulse braucht. „Stay in your head, you’re dead.“, sagt Tony Robbins. Recht hat er!

Ich finde es von Situation zu Situation immer noch nicht einfach, den perfekten Mittelweg zu finden, um anderen nicht unnötig vor den Kopf zu stoßen (kann man aber nicht immer vermeiden). Zumindest sollte man sich immer der Tatsache bewusst sein, dass man es nicht jedem recht machen kann und dass die eigenen Bedürfnisse absolut nichts sind, wofür man sich entschuldigen oder gar schämen müsste! Ich fühle mich manchmal ein wenig unzulänglich, weil ich mich dämlicherweise mit den falschen Leuten vergleiche und daraus folgere, ich müsste mehr wie sie sein. Das ist so ein Blödsinn und ich gewöhne es mir immer mehr ab. 🙂

Sag mir: Hast du auch öfter mit solchen Vorurteilen zu kämpfen? Wie gehst du damit um?

SaveSave

Pin It on Pinterest