Ich sitze an meinem Schreibtisch, vor mir liegt ein wunderschöner Planer, für den ich viel Geld ausgegeben habe, um meinem Chaoskopf endlich ein wenig Struktur zu verpassen. Ich verzweifele fast an meinem Verstand, weil auch dieses Journaling-Projekt mal wieder gescheitert ist. „Wie gelingt anderen sowas nur? Ich bekomme es einfach nicht hin!“ – Diese Szene ist mittlerweile etliche Jahre her. Ich habe mich endgültig von Planern verabschiedet, die zwar toll gestaltet sind, aber deren Seiten mir vorschreiben, was ich einzutragen habe. Ich führe mittlerweile ein Bullet Journal und – so cheesy es auch klingt – es hat wirklich mein Leben verändert.

Aber alles schön der Reihe nach.

Das erfährst du in diesem Deep Dive:

💡 Warum die Bullet Journal Methode eine Chance verdient (gerade wenn du ein Chaos-Hirn wie ich hast)

🌈 Wie mein Bullet Journal mich im Alltag stärker und resistenter gemacht hat

⚠️ Wie ich Perfektionismus vermeide (und andere Fallen beim Journaling)

Hör auf, dich zu reparieren. Fang an zu wachsen. Starte jetzt gleich dein kostenloses Stärkentraining!

Kurz & knackig: Darum geht es bei der Bullet Journal Methode

Das Bullet Journal wurde von Ryder Carroll entwickelt. Er sagt von sich, dass er früher ein sehr abgelenktes Kind war, das in der Schule ständig im Rückstand und sehr ängstlich war. Als Teenager wurde bei ihm ADHS diagnostiziert. Mit dieser Biografie konnte ich mich sofort identifizieren. Heute weiß ich, dass ich selbst neurodivergent bin (Autistin mit ADHS), aber als ich mit dem Bullet Journal anfing, wusste ich das noch nicht.

Im Kern ist es ein analoges System in einem leeren Notizbuch, das Kalender, Tagebuch, To-do-Liste und Skizzenbuch vereint. Carrolls Techniken, die mittlerweile als Bullet Journaling Methode bekannt sind, waren für ihn stetig weiterentwickelte Hilfen, um seine Gedanken zusammenzuhalten und sich zu sortieren.

💡 Das Geniale: Es gibt kein „Richtig“ oder „Falsch“. Es gibt nur das, was für dich funktioniert. Hier sind die Grundbausteine (die du alle in einem leeren Punkt-Raster-Notizbuch umsetzen kannst):

  1. Der Index: Das Inhaltsverzeichnis ganz vorne. Du musst nie wieder suchen, wo du deine Notizen zum letzten Meeting oder deine Urlaubsplanung aufgeschrieben hast.
  2. Das Future Log: Eine Jahresübersicht für Termine, die noch weit in der Zukunft liegen.
  3. Monthly Log: Deine Monatsübersicht – ein schneller Blick auf das, was ansteht.
  4. Daily Log: Dein Herzstück. Hier schreibst du jeden Tag auf, was zu tun ist, was passiert ist und – ganz wichtig – was du beobachtet hast.

Wenn du gerade das Gefühl hast: „Hilfe, das hört sich kompliziert an!“, hear me out. Ich erkläre dir hier nur die Grundlagen. Was du davon am Ende gebrauchen kannst, entscheidest du selbst. Am Ende dieses Artikel gebe ich dir noch einen Quick Start Guide fürs Bullet Journal. Aber jetzt erstmal durchatmen und weiterlesen.

Das BuJo als Stärken-Radar

Früher fühlte ich mich wie eine Versagerin, wenn ich ein paar Tage oder sogar Wochen nichts in mein Journal schrieb. Wenn du einen hohen Anspruch an dich selbst hast, dann besteht immer – ja, auch beim Journaling – die Gefahr, dass du dich im Perfektionismus verlierst

Ich kann dir sehr ans Herz legen, mehr darüber zu lernen, wie dein Gehirn wirklich funktioniert und was es braucht. Ich weiß heute z. B.: Mein Gehirn braucht keine starren Leitplanken rechts und links, sondern einen Spielplatz. Vorgedruckte Seiten empfinde ich als einengend und irgendwie auch bevormundend. Vordatierte Seiten sind am schlimmsten, ich hasse die Lücken, wenn ich mal Tage auslasse.

Das Bullet Journal hingegen arbeitet genau so, wie ich es brauche. Ich habe damit gelernt, wie ich aufhöre, zu reagieren und stattdessen anfange, zu lenken.

Jeder Eintrag in meinem Journal sieht je nach Bedarf anders aus: 

📌 Mal notiere ich mir, wie es mir gerade körperlich geht. Das ist wichtig für mich, denn natürlich schaue ich ganz anders auf mich, wenn ich mich daran erinnere: „Ach ja, du hattest diese Woche jeden Tag Kopfschmerzen, ist ja klar, dass du dir dann weniger vornehmen musst.“ Das fördert meine Selbststeuerung und hilft mir, nicht mehr von mir zu erwarten, als mein Körper geben kann.

📌 Es gibt auch Tage, da geht mir SO viel durch den Kopf, dass ich seitenweise schreiben muss, um das ganze Chaos irgendwo abzuladen. An solchen Tagen schreibe ich auch gerne Listen mit Gegenmitteln, die mir jetzt guttun würden.

📌 An den meisten Tagen bestehen meine Einträge einfach aus den drei Top-Aufgaben des Tages. Wenn ich mehr schaffe, ziehe ich mir weitere Dinge aus meinem Wochen-Log, wo ich Sonntags alles abgeladen habe, was mir durch den Kopf ging a la „das müsstest du eigentlich auch mal machen…“ Mich auf drei Dinge zu beschränken hilft enorm, die Kontrolle zu behalten. Lieber später nachjustieren, als von vornherein zu viel in den Tag zu packen und dann enttäuscht von sich selbst zu sein.

Hier siehst du ein paar Beispielseiten von mir (wie du siehst, alles andere als perfekt):

Klarheit statt Kopfchaos: Wie das Bullet Journal meinem Leben ein fettes Upgrade gegeben hat

Wenn du dich nach einer Weile auf die Methode eingeschossen hast, wird das Bullet Journal also zu einem großartigen Werkzeug, um deine Stärken zu fördern und sichtbar zu machen. Die lockere Form der Methode fördert z. B. meine Kreativität. Ich habe mehr Ideen, weil sich mein Gehirn nicht kontrolliert und eingeengt fühlt. Ich fördere meine Besonnenheit und Freundlichkeit, weil ich weder von mir, noch von anderen zu viel auf einmal erwarte. Mich selbst zu beobachten und meine Gefühle und meinen Körper im Blick zu behalten fördert außerdem meine Selbstregulation und mein Urteilsvermögen.

Wie gut kennst du deine Stärken?

Übrigens: Diese fett gedruckten Stärken entstammen den umfangreichen wissenschaftlich fundierten Charakterstärken der Positiven Psychologie. Wenn du deine Stärken ebenfalls kennen- und entfalten lernen willst, dann habe ich hier ein paar nützliche Links für dich:

🌈 Was Stärken sind und wie du sie bei dir wahrnimmst

🌟 Wie ich dir als Stärkencoach helfen kann, deine eigenen Stärken im Job und im Alltag bewusst zu erkennen und zu nutzen

Extra: 3 Tipps für ein ADHS-freundliches Journaling 🧠

Wenn du wie ich oft unter deinem Chaos-Hirn leidest, hier noch ein paar Extra-Anregungen für dich. Hier sind meine Strategien, um den Druck rauszunehmen und den Fokus auf das zu lenken, was dich wirklich weiterbringt:

📌 Mini Steps statt To-Do-Listen-Terror

Wenn du am Abend den Tag absclhießt („Daily Log“), frag dich: Welche meiner Stärken habe ich heute genutzt?

War es z. B. Mut, weil du ein schwieriges Telefonat geführt hast? Schreibe ein M als Kürzel dazu. Oder vielleicht Beharrlichkeit, weil du trotz Ablenkung an deinem Projekt geblieben bist? (Kürzel: B) – Kniffe wie dieser haben es mir ermöglicht, auf Klasse statt Masse bei meinen To-Dos zu achten und mich auch über kleine Fortschritte zu freuen.

📌 „Kill-den-Perfektionismus“-Regel

Du hast drei Tage lang nichts eingetragen? Egal. Du musst nichts nacharbeiten. Und Lücken entstehen auch nicht, denn du kannst einfach da weiterschreiben, wo du aufgehört hast, yay. Das Leben verläuft nicht linear und das darf man auch an deinem BuJo erkennen. Das Bullet Journal ist für dich da, nicht du für das Journal. Im BuJo-Jargon nennt man das übrigens „Migration“ – wir nehmen von den Tagen und Monaten davor nur das mit, was jetzt noch wichtig ist. Der Rest darf einfach gehen.

📌 Nur eine gute Sache

Ich stelle mir gerne morgens die Frage: „Was ist die eine Sache, die – wenn sie erledigt wurde – den Tag zum Erfolg macht?“ Ich denke nicht immer daran, aber ich habe immerhin ein Lesezeichen, auf dem diese Frage steht, sodass ich mich oft genug daran erinnere.

FAQ: Häufige Fragen und Missverständnisse

„Wie fange ich so an, dass ich wirklich durchhalte?“ 

Indem du die Erwartungen radikal runterschraubst. Dein Journal ist kein Chef. Dein Journal ist dein externes Gehirn. Wenn du mal eine Woche pausierst, ist das kein Scheitern, sondern eine Pause.

„Es muss doch gut aussehen, oder?“ 

Nein! Ein Bullet Journal darf hässlich sein. Es darf Kaffeeflecken haben. Es ist ein Gebrauchsgegenstand für deinen Kopf, kein Kunstwerk für Instagram. Das Ziel ist Klarheit, nicht Perfektion. Leg unbedingt selbst dein „gut genug“ fest, indem du dir vergegenwärtigt, welches Ziel du mit deinem Bullet Journal verfolgst.

„Ist die Bullet Journal Methode kompliziert?“

Nein. Die „Sprache“ des originalen Bullet Journal Systems ist das sog. Rapid Logging. Es gibt vier Komponenten: das Thema bzw. die Überschrift, Seitenzahlen, kurze Sätze oder auch nur Stichworte sowie die Bullets, die dem Bullet Journal den Namen geben:

Für Aufgaben mache ich einen klassischen Bullet Point. Wenn die Aufgabe erledigt ist, wird daraus ein X. Falls ich die Aufgabe den Tag über nicht geschafft und auf morgen verschoben habe, mache ich aus dem Punkt einen Pfeil. Für Termine mache ich einen Kreis, den ich abhake, wenn der Termin durch ist. Und für Notizen mache ich klassische Spiegelstriche. Mehr brauchst du im Grunde nicht.

„Woher weiß ich, dass ich die Bullet Journal Methode ‘richtig’ mache?“ 

Du machst es richtig, wenn du feststellst, dass es dir dient. Wenn du am Abend ein klitzekleines bisschen über dich gelernt hast oder es dir gelungen ist, zufrieden mit dir zu sein, ist es super – egal wie es aussieht.

„Kostet die Bullet Journal Methode viel Zeit?“

Überhaupt nicht! Ich brauche morgens beim Frühstück ca. 5 Minuten, um mich auf den Tag einzustellen und meine Prioritäten festzulegen. Und abends 2-3 Minuten für einen Check-out, bei dem ich z.B. eine Sache notiere, die an dem Tag gut war.

Dein Start: So fängst du heute noch an (ohne Druck!) 🚀

Fang klein an. Schlag die erste Seite auf. Die Angst vorm leeren Blatt kenne ich gut, daher schreib doch für den Start einfach eine Sache auf, die heute gut war. Du hast so viel Kraft in dir – dein Journal hilft dir nur, sie jeden Tag ein bisschen deutlicher zu sehen und smarter zu nutzen.

Du hast ein Notizbuch und einen Stift? Super, mehr brauchst du nicht. Vergiss die komplizierten Layouts auf Pinterest. Hier ist dein minimalistischer 5-Schritte-Fahrplan:

1️⃣ Nummeriere deine Seiten: Falls dein Buch keine Seitenzahlen hat, fang einfach mit den ersten 10 an. Das gibt dir sofort das Gefühl von Ordnung.

2️⃣ Erstelle den Index: Schreibe auf die erste Seite „Index“. Hier trägst du später ein, auf welcher Seite was steht (z. B. „Seite 5: Mai“).

3️⃣ Das Future Log (optional): Nimm zwei Doppelseiten und teile sie in insgesamt 6 oder 12 Boxen für die Monate auf. Hier landen Termine, die erst später wichtig werden.

4️⃣ Dein erster Monthly Log: Schreib den aktuellen Monat groß auf eine neue Seite. Links die Daten (1, 2, 3...), rechts daneben Platz für die wichtigsten Termine und Ziele.

5️⃣ Der Daily Log (dein Anker): Schlag die nächste freie Seite auf, schreib das heutige Datum drüber und notiere einfach untereinander:

Aufgaben (mit einem kleinen Punkt •)
Erledigte Aufgaben: Aus dem Punkt wird dann ein X. Das ist das befriedigendste Gefühl überhaupt!
Termine (mit einem Kreis ○)
Notizen/Gedanken (mit einem Spiegelstrich -)

Fertig! Schreibe deine Fragen gerne in die Kommentare! Dort sammeln wir auch Materialtipps. 💜

Tipp zum Weitermachen: Unsere Podcastfolgen zum Bullet Journal

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