Meine Kollegin Isabell Prophet hat sich vor kurzem ein Malbuch gekauft. Und dieses Malbuch ist der Grund, warum es ihren großartigen Podcast RUSH HOUR überhaupt noch gibt. Es hat ihr sehr viel über das Glück beigebracht, das darin liegt, nicht perfekt zu sein.

Zum Perfektionismus haben viele von uns ein schwieriges Verhältnis (ja, auch ich). Er klingt so erstrebenswert – gleichzeitig nervt er gewaltig. Perfektionismus kostet Energie.

👉 Aber es geht auch anders. Davon berichtet Isabell in diesem Artikel – und in ihrer neuen Podcastfolge: Unperfekt.

Vom Glück des Unperfekten

Ich habe jetzt ein Malbuch. Ich habe das mal in England gesehen, bei einer Wanderung mit meinem Freund am Hadrianswall. Wir kamen am letzten Tag an einer schönen englischen Buchhandlung vorbei, voll mit Malbüchern für Erwachsene. Damals war ich angefixt. Aber mir war auch klar: Ich kann das nicht.

Neulich habe ich Werbung dafür gesehen. Und ich dachte mir: Warum nicht?

Ich habe es gekauft, angefangen zu malen – und übergemalt. Und zwar ständig.

Wie als Kind schon. 

Aber heute, mit Mitte 30, ist das vollkommen okay und das ist eine schöne Erkenntnis. Wenn ich selbst über Perfektion entscheide, dann kann ich mich auch gegen sie entscheiden.

Das Gefühl, dass Dinge auch schön sind, wenn sie nicht perfekt sind, war heilsam für mich. 

Wenn ich selbst über Perfektion entscheide, dann kann ich mich auch gegen sie entscheiden. - Isabell Prophet

Als Kind lernt man das anders, gerade wenn kein wohlhabender Akademiker-Haushalt dahintersteht. Viele Menschen berichten, dass auf extreme Perfektion geachtet wird, um den Aufstieg zu sichern: Schreibfehler sind verboten, meine Schrift als gedrehte Linkshänderin nie gut genug. Im Kunstunterricht wurde ich 13 Jahre lang von meinen Lehrerinnen und Lehrern gequält.

Irgendwann war dieses „gut genug sein“ so weit weg für mich, dass ich gar nicht mehr danach gestrebt habe. Ich wusste, ich sollte, aber oft hat mich etwas zurückgehalten. Es blieb nur das Unwohlsein, dass alles, was ich mache, nicht reicht. Das ist ein Gefühl ständigen Mangels. Und dieses Gefühl ist die Hölle. So klar sehe ich das erst heute, was ärgerlich ist.

Alles ist so unperfekt

Unperfekt ist auch heute eigentlich alles. Vor allem das Privatleben läuft bei mir kein bisschen so, wie es sein sollte. Ich möchte viel mehr rausgehen, viel mehr Zeit allein mit meinem Partner haben, mehr von der Welt sehen, aber geht ja alles nicht. 

Ich bin nicht zufrieden damit, dass unser Haus voll mit Faltschachteln und Warenlieferungen ist und ständig Blätter reinwehen und über das gesunde Grundmaß an Ordnung haben wir jede Kontrolle verloren. Das ist alles nichts für mich. Ich fühle mich zu Hause gerade nicht wohl.

Da ich jetzt so unglaublich oft krank war, läuft es bei der Arbeit auch nicht rund. Ich verdiene als Selbstständige gerade deutlich weniger als normal. Immer noch genug und ich bin froh, dass ich meine Arbeit meinem Wohlbefinden anpassen kann. Aber es ist eben weniger. Davon ab war das Kranksein auch nicht schön, das RS-Virus kann ich euch wirklich nicht empfehlen. 

Narrative

Also so viel zum Gejammer. In dieser Erzählung liegt so viel Mangeldenken. Ich habe euch jetzt sauber gefiltert erzählt, was hier alles gerade schiefgeht. Und ich mache das gern. Ich mache das, weil ich immer Angst habe, verurteilt zu werden, wenn es zu gut läuft. Aber wer so erzählt, der fokussiert seinen Blick auf das, was schlecht ist im Leben. Auf das Unperfekte, das eigentlich kein Problem wäre, aber eines wird, wenn wir immer in diesen Narrativen hängen.

⚠️ Die Geschichten, die wir erzählen, beeinflussen unsere Wahrnehmung und unsere Erinnerung maßgeblich. Diese Tatsache ist entscheidend.

Denn viele von uns sind dazu erzogen worden, auf das zu achten, was nicht perfekt ist. Bescheiden zu sein und Erfolge klein zu reden. Fehler aufzudecken und auszumerzen. 

Für viele Menschen steckt auch die Angst dahinter, sich durch Fehler angreifbar zu machen.

Viele von uns sind dazu erzogen worden, auf das zu achten, was nicht perfekt ist. Bescheiden zu sein und Erfolge kleinzureden.

Und dann dreht sich diese Sichtweise auch noch um: Von den Menschen, die uns am Nächsten stehen, erwarten wir den gleichen Perfektionismus. Kleine Nachlässigkeiten werden dann zu Fehlern. Was eben noch irrelevant wahr, wird ein Störfaktor.

Die Feiertage sind das beste Beispiel. Die sollen natürlich immer perfekt sein. Denkt mal an den für euch wichtigsten Feiertag des Jahres und dann stellt euch vor, er liefe perfekt ab. 

So.

Und nun denkt an Menschen, die euch nahe stehen und wichtig sind.
Wie würden sie diesen Tag sehen?


Und nun stellt euch mal vor, wie es NOCH besser ginge. Vielleicht die gleiche Szene, aber in einer Hütte eingeschneit? Oder in einem Haus am Strand auf Mauritius?

Es gibt keine Perfektion

Was ich sagen will, ist: Es gibt keine Perfektion. Perfekt klingt, als wäre man dann angekommen. Aber wir Menschen kommen nie an. Weil besser manchmal nur bedeutet, dass es anders ist.

Und ich mag es, wenn sich Dinge ändern. Ich mag Kontraste im Leben. Aber wenn wir auf das schauen, was noch kommen soll oder könnte, dann schauen wir immer nur in die Zukunft, nie auf das, was ist und auf das, was gut daran ist. Ein Leben in Gelassenheit ist so nicht möglich, weil es nie eine Pause gibt. Wer nur auf das Unperfekte schaut, der springt zwischen zwei Zuständen: 

❌ Dem Streben nach Mehr

❌ Der Unzufriedenheit, gerade nicht streben zu können.

Beides nicht gut. 

Für wen ist das alles?

Ein schönes Leben zu führen bedeutet also, dass wir lernen müssen, den Blick bewusst von dem wegzulenken, was nicht perfekt ist.

Strengt euch an, wenn ihr wollt. Strebt, wenn ihr wollt. Aber wählt bewusster, in welchen Lebensbereichen ihr das tun wollt. 

Und für wen überhaupt. 

Wer soll Danke sagen? Wer soll beeindruckt sein? Wer könnte euch denn kritisieren, für das Herbstblatt auf dem Fußboden, die verrutschten Grillstreifen auf dem Lachs oder die Fingertapser auf dem Fenster?

Ein schönes Beispiel war für mich das Kinderzimmer meiner Tochter. Ich hatte alle diese wunderschönen Bilder bei Instagram gesehen, in Pastellfarben, mit edlen Möbeln und niedlichen Bildern an der Wand. Wir haben das nicht gemacht, weil wir einfach anderes zu tun hatten. Stellt sich raus: Neugeborene haben von Inneneinrichtung absolut keine Ahnung und verbringen in ihren Kinderzimmern genau gar keine Zeit. Meine Tochter wird bald drei Jahre alt, schläft allein und spielt allein in diesem Zimmer und hat sich bis heute nicht beschwert, dass ihr die Instagram-Likes fehlen.

Ich habe auch mal ein Familiendinner damit ruiniert, mich über meine misslungene Buttersauce aufzuregen, statt einfach die Mayonnaise rauszuholen, was die Hälfte der Leute am Tisch eh viel cooler gefunden hätte. 

Inklusive mir selbst.

Wie viele Feiertage haben wir erlebt, bei denen irgendjemand unzufrieden war, weil er oder sie den eigenen Willen nicht erfüllt bekommen hat? Weil irgendwas nicht perfekt war?

Und wie schade ist das?

Wir verlieren so viel, wenn wir auf das achten, was das Gesamtbild trübt. Wir wandeln gute Tage in schlechte, weil wir das Narrativ verderben. Es war eine schöne Feier, aber das Wetter war schlecht. Es war ein tolles Essen, aber der Wein passte nicht. Ich habe einen tollen Vortrag gehalten, aber mich in den ersten Minuten total verhaspelt.

Solche Narrative sind geeignet, kleine Dinge groß zu machen. Aber niemand zwingt uns, so zu erzählen.

⚠️ Wir brauchen keine Erlaubnis dafür, etwas toll zu finden. Oder uns mal selbst toll zu finden. Wir müssen eigene Leistungen nicht mit Abers versehen, damit sie für andere aushaltbar werden.

Wir brauchen keine Erlaubnis dafür, etwas toll zu finden. Oder uns mal selbst toll zu finden. Wir müssen eigene Leistungen nicht mit Abers versehen, damit sie für andere aushaltbar werden.

Fokussierung

Fokus. Fokus ist die Antwort. 

Bei Fokus denken wir in der Regel an die Arbeit oder an den lächerlichen Versuch, ein Buch zu lesen, ohne zwischendurch aufs Smartphone zu schauen.

Aber Fokus ist mehr. 

Fokussierung ist die Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit bewusst da hin zu lenken, wo wir sie gerade haben wollen. Deshalb lohnt es sich so sehr, sie zu trainieren. Fokussierung ist nicht nur eine Methode für 90 Prozent Arbeit und 10 Prozent Feierabend. 

Der Fokus ist es, der uns wählen lässt. Fokus ist es, der uns das selbstbestimmte Leben erst ermöglicht. Wer seinen Blickwinkel bewusst setzt, der entscheidet bewusst über das, was er oder sie gerade wahrnimmt – und damit auch fühlt. 

Die Praxis

Wir müssen alle lernen, anders zu denken, als uns anerzogen wurde. Das ist keine Kleinigkeit. Das lernt man nicht durch Erkenntnis. Das gelingt mal, mal gelingt es weniger. 

👉 Wir müssen die Geschichten ändern, die wir erzählen.

Nehmen wir die Beschränkungen durch Corona. Ich fühle mich an vielen Tagen wie im Gefängnis und ich hasse es. Aber mit meiner Familie mache ich Ausflüge, wir essen gut, wir gehen bei jedem Wetter raus und wir haben Spaß zusammen. Wir sind gerade ziemlich gut darin, das Beste aus dieser Corona-Zeit zu machen. Es ist nicht das perfekte Leben, es ist nicht einmal das beste, das unter diesen Umständen möglich wäre. Aber es ist für den Moment gut genug.

Ich wollte meinen Podcast auch eigentlich einstellen. In der Aufzeichnung hört man, dass meine Stimme nicht gut klingt. Das wird sich wahrscheinlich auch so schnell nicht ändern, sagte mir die Ärztin. Also dachte ich mir: Gut, das war es jetzt. 

Und dann habe ich dieses Malbuch auf den Knien gehabt und übergemalt und mir gedacht: Egal. Es ist einfach egal. Irgendwann wird es wieder besser. Ich schone meine Stimme, aber ich höre nicht auf, zu tun, was ich gern tue, nur weil es gerade nicht perfekt geht. Wer bis hier hin zugehört hat, der hat es ausgehalten. Also kann es so schlimm ja nicht sein.

Die meisten Dinge sind nicht so schlimm. Die Grenze verläuft fließend und sie ist immer eine Frage der Perspektive. Wann aus nicht perfekt ein echtes „das reicht nicht“ wird, entscheiden wir bewusst. Und es wird Zeit, das zu üben. 


Isabell Prophet ist die Autorin folgender Bücher: "Die Entdeckung des Glücks" (2017), Mosaik Verlag / "Happy Monday" (2019) und "Wie gut soll ich denn noch werden?" (2019), Goldmann Verlag

👉 Isabell Prophet ist die Autorin folgender Bücher: „Die Entdeckung des Glücks“ (2017), Mosaik Verlag / „Happy Monday“ (2019) und „Wie gut soll ich denn noch werden?“ (2019), Goldmann Verlag


Glücklich ohne Selbstoptimierung!

Schluss mit Selbstoptimierung • Wie wir es schaffen, mit uns selbst zufrieden zu sein, statt ständig etwas Neues zu finden, was optimiert werden muss… das ist das Thema unseres neuen Buches

Juhu, unser neues Buch erscheint bald!

💜 Innere Zufriedenheit statt Perfektionismus: Warum wir auch so schon gut genug sind

🌿 Leichtigkeit statt „Höher, Schneller, Weiter“-Mindset: Wie wir durch Selbstmitgefühl gesellschaftlichem Druck standhalten können

😌 Einfach nur sein: Wie wir uns auf das besinnen, was schon in uns liegt und wieder ins Spüren kommen

Neugierig? Hier kannst du schon vorab einen Blick hineinwerfen:

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