Quiz-Frage: Was ist eigentlich ein Burn-out?

a) der Zeitpunkt, in dem das Triebwerk einer Rakete abgeschaltet wird und der antriebslose Flug beginnt
b) ein Zustand chronischer, emotionaler, mentaler und physischer Erschöpfung
c) ein Statussymbol

Antwort: Alle drei stimmen. Aber nur Antwort b) und c) sind heute Gegenstand dieses Artikels. 

Leider bemerkt man seit Jahren immer mehr den traurigen Trend, dass Burn-out zum Statussymbol wird. Ein Lebensstil, der krank und unglücklich macht – das neue It-Piece? Es gibt einen makabren Spruch, der leider einen wahren Kern enthält:

„Sich zu Tode arbeiten ist die einzige gesellschaftlich anerkannte Form des Selbstmordes.“

(Zu) viel zu arbeiten und immer busy zu wirken ist gesellschaftlich akzeptabel. Mehr noch, dafür gibt’s mehr Applaus als dafür, dass man zu manchen Dingen bewusst nein sagt und seine Grenzen schützt. Timon hatte übrigens mit 24 Jahren einen Burn-out. Die Lehren, die er für sich aus diesem Tiefpunkt gezogen hat, haben mit Sicherheit dazu beigetragen, dass wir heute sehr achtsam mit unseren Ressourcen umgehen und uns bemühen, klare Grenzen bei unserer Arbeit zu ziehen.

Es ist schon etwas her, da fragte ich in meinem Newsletter, wer schon alles Erfahrungen mit dem Thema Burn-out gemacht hat und rief zu einer Fragerunde auf. Die vielen Antworten haben mich aus den Socken gehauen. Auch, wenn meine eigene kleine Umfrage wenig repräsentativ ist – sie deckt sich mit dem, was eine aktuelle Umfrage der pronova BKK (die Ergebnisse im Detail liest du hier) herausgefunden hat: 87% der Deutschen fühlen sich gestresst oder sogar stark gestresst. Zudem gaben sechs von zehn Befragten an, zumindest gelegentlich unter typischen Burn-out-Symptomen wie anhaltender Erschöpfung, innere Anspannung und Rückenschmerzen zu leiden.

Was genau meint eigentlich der Begriff Burn-out? Wo liegen die Gefahren und wie kann man Stress und Erschöpfung vorbeugen? Das sagt die Expertin. #stress #burnout #erschöpfung #entspannung #mentale #gesundheit #psyche #arbeit

Zeit, eine Expertin ins Boot zu holen, die in diesem Artikel eure Fragen beantwortet und für Aufklärung zu diesem wichtigen Thema sorgt: Kerstin Böcker ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Therapeutin, Coach und ja, selbst Opfer eines Burn-out gewesen. Heute hilft sie Menschen, wieder ein stressfreies Leben ohne das ständige Erschöpfungsgefühl zu führen und aktiv durchs Leben zu gehen.

FAQ mit Kerstin Böcker von „Burn-out selbst behandeln“

Im Folgenden beantwortet Kerstin im Detail die häufigsten Fragen, die Vanilla Mind Leser*innen gestellt haben:

Wie kann man erste Anzeichen richtig deuten?

Kerstin Böcker ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Therapeutin, Coach und selbst Opfer eines Burn-out gewesen. Heute hilft sie Menschen, wieder ein stressfreies Leben ohne das ständige Erschöpfungsgefühl zu führen und aktiv durchs Leben zu gehen.

Burn-out-Expertin Kerstin Böcker (Foto: © privat)

Burn-out entsteht über einen recht langen Zeitraum. Unterschwellige Erschöpfung ist schnell spürbar, nur leider zwingen wir uns weiterzumachen und uns zusammenzureißen. Hier sind die ersten Anzeichen zu erkennen, auch das Aufschieben von Aufgaben und die Überforderung mit Alltäglichem spielt hier eine große Rolle und können als erste Anzeichen gewertet werden. Aber wie immer entscheidet der Einzelfall. Beurteilungen nach Katalog sind meiner Meinung nach nicht möglich. Denn es könnte beispielsweise auch eine Nebennierenerschöpfung vorliegen. Diese wird allerdings genauso wie der Burn-out behandelt. Zumindest in der ganzheitlichen Vorgehensweise.

Ein kurzzeitiges Tief hat eine andere Qualität! Hier bekommen wir uns noch überwunden und erledigen unsere Aufgaben. Im beginnenden Burn-out sieht das anders aus. Es erfordert eine unglaubliche Anstrengung, sich zunächst zu überreden und die Ausführung gelingt oft nur zum Teil.

Erste Anzeichen sind Erschöpfung und Überlastungsgefühle, Fluchtgedanken, Sinnfragen, körperliche Beschwerden, wie starke Muskelverspannungen, Magenschmerzen, häufige Kopfschmerzen und viele mehr. Die Symptome, bzw. ersten Anzeichen sind sehr unspezifisch.

Ärztliche Hilfe sollte immer aufgesucht werden, wenn depressive Gedanken eine übergeordnete Rolle spielen und den Tag bestimmen. Dazu zählen auch Selbstmordgedanken. Letztendlich ist immer Vorsicht geboten, wenn wir uns dermaßen erschöpft fühlen, dass sich alles anfühlt wie eine Qual.

Ein Beispiel: Ich selbst konnte kaum die Treppenstufen nach oben gehen. Auf Stufe vier musste ich eine Pause einlegen. Meine Muskeln fühlten sich so übersäuert an, dass ich das Gefühl hatte, wenn ich einen Schritt mehr mache, reißen die Muskeln. Ich saß in der Küche und habe mich gefragt, was ich dort eigentlich will. Ich fühlte mich als Opfer. Die Gedanken waren wirr und durcheinander, oft verlor ich den Faden und fühlte mich, wie unter einer Käseglocke gefangen und alles rast an mir vorbei. Nur ich kam nicht von der Stelle. Mein Körper schmerzte und nachts wünschte ich mir, dass es endlich Tag wäre. Ich wollte weg und verschwinden.

Als ich das meinem Arzt erzählte hat er mir empfohlen Pause zu machen und in den Urlaub zu fahren. Das war bis heute der letzte Besuch beim Arzt. Ich fühlte mich veralbert! Also fing ich an, mir zu überlegen, was ich brauche, was mein Körper braucht und entwickelte meine eigene ganzheitliche Strategie.

Burn-out entsteht zwar „im Kopf“, wird aber körperlich. Also sollten wir uns nicht nur psychisch stärken und Blockaden lösen, sondern auch körperlich etwas tun. Meine Empfehlung ist, zuerst den Körper zu stärken und ihm die Ernährung zu bieten, die er braucht. Und wenn der Körper sich besser und stabiler anfühlt, weniger das Gefühl der körperlichen Erschöpfung auftritt, dann ist die Kraft wieder da um mit seelischen Themen zu beginnen.

Und überhaupt erst einmal ehrlich hinzuschauen, was wir uns selbst angetan haben. Die Themen Loslassen, Vergebung und Anerkennung sind sehr wichtig, aber auch Veränderung und den Weg aus der Komfortzone wagen.

Was mache ich, wenn alles auf einmal auf mich einprasselt?

Tipp 1: Um den inneren Stress abzubauen, eignen sich Atemübungen, wie die tiefe Bauchatmung und verschiedene Formen der Meditation, aber auch ganz einfache Dinge, wie ein Fußbad. Manche Dinge sind so simpel, wir nehmen uns nur leider nicht die Zeit. Das ist sehr schade. Wenn der Kopf brechend voll ist, wirkt ein Fußbad mit Meersalz oder Natron wahre Wunder. Die Energie wird nach unten gelenkt und der Kopf darf sich endlich entspannen.

Tipp 2: In der Bewegung haben wir die Möglichkeit, den Stress abzuschütteln, den Kopf zu lüften und Lösungen zu finden. Interessant ist, dass sich Lösungen, die in der Bewegung gefunden werden, schneller zeigen und umgesetzt werden. Sie werden sozusagen buchstäblich „in Gang“ gesetzt.

Wir müssen nicht immer in der äußeren Stille sein, um innere Stille zu erfahren! Möchtest du mit Atemübungen oder Meditation beginnen, empfehle ich dir, nicht zu beginnen, wenn der Stresslevel kurz vor der Explosion ist. Dann kannst du dich eh nicht darauf konzentrieren und hast das Gefühl, dass es bei dir nicht funktioniert.

Bist du extrem gestresst, wende ein Fussbad an. Hast du das Gefühl, du bist im Kopf etwas ruhiger, beginne mit der tiefen Bauchatmung. Und so kannst du dich langsam steigern.

Wie kann man das Gefühl der ständigen Unzufriedenheit abstellen?

Unzufriedenheit macht mürbe und das Denken an die Vergangenheit macht depressiv, denn wir haben keine Chance die Vergangenheit zu ändern – sie ist vorbei! Beides hängt unmittelbar miteinander zusammen. Denkst du über deine Vergangenheit nach, bist du automatisch unzufrieden, weil du mehr an deine Fehler denkst, als an das, was du alles geschafft hast. Gedanken wie „Hätte ich doch bloß …“ lassen dich immer wieder auf einer Stelle stehen.

→ Versuche zunächst, aufzuschreiben was du alles erreicht hast.
→ Dann schreibe auf, wofür du dankbar bist in deinem Leben.
→ Als nächstes schreibe dir auf, was du dir für deine Zukunft wünschst.
→ Und zuletzt, was du tun kannst, um deine Zukunft, so wie du sie dir wünschst oder besser, zu leben.

Vielleicht magst du dafür Meditationen nutzen, die dich unterstützen, Antworten zu finden. Merke: Erlaube dir im Jetzt zu leben, zu lieben und zu lachen. Manchmal ist das gar nicht so einfach und wir kommen immer wieder zum selben Punkt. Wo hakt es? Wenn du verschiedene Übungen gemacht hast und alles nicht richtig fruchtet, frage dich, ob es eine Schnittstelle gibt – einen gemeinsamen Nenner. Dann ist das das eigentliche Thema. Wenn es sich für dich so anfühlt, als könntest du es nicht allein bewältigen, dann suche ein Gespräch. Manchmal klärt schon ein Impuls das gesamte Thema.

Wie bekomme ich emotionalen Stress in den Griff?

Es gibt viele verschiedene Arten von Stress und jeder nimmt seinen Stress anders wahr, weil die Ausgangslage immer eine andere ist. Wenn wir uns reflektieren und uns fragen, warum wir mit bestimmten Arten von Stress besser umgehen können und mit anderen, wie dem emotionalen Stress, gar nicht, dann sind wir schon auf dem Weg zum Ziel.

Wenn Stress in der Familie entsteht, zum Beispiel ein Streit und es schwer fällt seine Meinung zu äußern, dann kann sich das körperlich äußern. Es tut weh. Der Magen schmerzt, der Rücken und Nacken verspannt sich. Sind wir mit Personen emotional weniger verbunden, zum Beispiel mit den Kollegen, reagieren wir weniger emotional, wenn es zum Konflikt kommt.

Werden hinuntergeschluckte Emotionen körperlich spürbar, spricht unser Körper und sagt quasi, ‚ich will was loswerden‘. Wissenschaftlich wurde nun schon mehrmals belegt, dass angestaute Emotionen krank machen. Und trotzdem wir das wissen, machen wir es immer wieder.

Stelle dir selbst Fragen und sei ehrlich zu dir selbst!
→ „Was spricht dagegen, meine Meinung zu äußern oder meine Gefühle zu zeigen?“
→ „Was passiert im schlimmste Falle?“
→ „Wie würde es mir gehen, wenn ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen darf?“

Meistens stehen wir uns mit Gegenargumenten selbst im Wege. Unser Ego findet Ausflüchte, warum es nichts bringen würde, Argumente zu äußern, die unseren Standpunkt klar und deutlich aufzeigen oder Gefühle zu zeigen. Wir bleiben lieber in unserer Komfortzone — das bekannte Terrain. Hier kennen wir alles, auch die Schmerzen. Wir nehmen lieber Schlechtes in Kauf, als uns in Unbekanntes zu wagen.

Unbekannt ist in dem Falle die Reaktion der anderen und das neue Gefühl in dem Moment, in dem wir uns erlauben, etwas zu tun, was uns selbst gut tut: Nämlich das Reden und Fühlen – wieder zurück zu uns zu kommen.

Das ständige Zusammenreißen funktioniert aber irgendwann nicht mehr und alles raus muss, weil wir sonst platzen. Und dann passiert womöglich etwas Fatales. Du hörst vielleicht: „Das hättest du aber schon viel früher sagen können.“ – Soll heißen: Du sprichst deine Gefühle aus und bekommst dafür noch „Prügel“. Das heißt für dein Unterbewusstsein, du musst dich zusammenreißen und zwar für immer und ewig.

Diese Programmierung – „Ich darf nicht über meine Gefühle reden.“ – müssen wir unbedingt löschen. Das klingt immer so leicht und im Grunde genommen ist es das sogar: Denn alles ist Kopfsache! Niemand sagt uns, wie wir fühlen sollen und niemand setzt uns unsere Gedanken in den Kopf. Das machen wir selbst. Und genauso funktioniert es – wir müssen uns selbst auf die Schliche kommen und aufhören, andere Personen für unsere Gefühle verantwortlich zu machen.

Bringen wir den Mut einmal auf unsere Komfortzone zu verlassen, erkennen wir, dass wir davon nicht sterben und die beteiligten Personen auch nicht. Alten angestauten Stress loslassen zu WOLLEN ist so wichtig! Denn wir erreichen sonst genau das Gegenteil von dem, was wir für uns möchten, wenn wir nahestehende Personen verletzen, ihnen etwas nachtragen und ihnen Vorwürfe machen. Das ist keine gute Energie.

Wie schafft man es, Stress auf der Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen?

Genauer: „Wie schafft man es den Stress auf der Arbeit so zu kanalisieren, dass man ihn abends nicht mit nach Hause nimmt und sich nicht ständig in Gedanken und Sorgen verliert?“

Warum willst du dir Gedanken und Sorgen machen?
Gibt es dafür einen Grund?
Ist das notwendig?
Was bringen die Gedanken der Firma?
Wie fühlt es sich an, wenn du darüber sprichst?
Was passiert dann in dir?
Wie reagieren andere Menschen darauf?

Beantworte dir diese Fragen ganz ehrlich und sei liebevoll mit dir. Es gibt nichts, was sich nicht ändern ließe. Nur diese Veränderung muss gewollt sein!

Der erste Schritt ist, zu beginnen dir selbst zu erlauben, Feierabend zu haben! Erlaube dir, loszulassen. Der einfachste Weg sind Routinen. Ich empfehle gern eine Morgenroutine, die dir einen kraftvollen Start in den Tag erlaubt und ein Abendritual, mit dem du dich tief entspannen kannst und der Kopf frei werden darf. Eine fünfminütige Morgenroutine findest du zum Beispiel in meinem Mitgliederbereich.

Haben nicht nur Leute mit einem vollen Kalender einen Burn-out?

Burn-out entsteht nicht nur, wenn jemand unaufhörlich arbeitet. Liebe ich das, was ich tue und will ich das aus vollem Herzen, kümmere ich mich um mein Wohl und meinen Körper, ist ein Burn-out kaum möglich. Also wie genau brennen wir aus? Wir brennen aus, wenn wir gegen uns und unsere Natur arbeiten!

Wir brennen aus, wenn wir tagein und tagaus Dinge tun, zu denen wir uns zwingen. Interessant ist besonders die Problematik, wenn wir Dinge tun, die unser Herz nicht will und wir gleichzeitig schlecht für uns sorgen. Die Ernährung ist beispielsweise oft nicht die beste und Bewegung höchst selten.

Manchmal geht es vielleicht nicht anders und wir müssen eine zeitlang etwas tun, worauf wir nicht die „größte Lust“ haben. Ist so ein Abschnitt geschafft, sollten wir uns unbedingt mit drei Fragen auseinandersetzen:

→ „Was will ich wirklich?“
→ „Was braucht mein Körper?“
→ „Was braucht meine Seele?“

Um klar und ehrlich zu sehen, eignen sich hier Meditationen, die helfen verschiedene Blockaden zu lösen und neue Wege zum Ziel zu erkennen.

Vielen Dank, liebe Kerstin, für deine wertvollen Anregungen und dass du dir so viel Zeit genommen hast! Hier findest du weitere Hilfen von Kerstin rund um das Thema Stress und Prävention: Burn-out selbst behandeln. Zudem bietet sie einen kostenlosen Mitgliederbereich mit extra Impulsen für dich an.

Dass dieses Thema äußert ernst ist, zeigt uns auch ein Blick nach Japan: Dort gibt es ein eigenes Wort für den Tod durch Überarbeitung, Karōshi. Eine knapp elf-minütige Dokumentation von ARTE setzt sich mit dem japanische Phänomen Karōshi aus einander und sollte uns dazu veranlassen, unsere Work-Life-Balance zu überdenken (hier kannst du sie ansehen).

Frage an dich:

Für welche Art von Stress bist du besonders anfällig? Was tust du regelmäßig für deine Gesundheit? Wir freuen uns auf deine Einblicke und Erkenntnisse!


Sharing is caring: Hat dir dieser Artikel geholfen, besser auf dich zu achten und deinen Stress ernst zu nehmen? Dann leite ihn unbedingt an Menschen weiter, die dir am Herzen liegen und einen kleinen Reminder in Sachen Selbstfürsorge benötigen. 🖤

Was genau meint eigentlich der Begriff Burn-out? Wo liegen die Gefahren und wie kann man Stress und Erschöpfung vorbeugen? Das sagt die Expertin. #stress #burnout #erschöpfung #entspannung #mentale #gesundheit #psyche #arbeit

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